Exkursion am Samstag, den 24.05.2008 zu den heimischen Orchideen ins Gleistal (Saale-Holzland-Kreis)

An einem sonnigen Mai-Wochenende trafen sich 7 Mitglieder des „Orchideenstammtisches Jena“,4 interessierte Gärtner des Botanischen Gartens Jena und 8 weitere Orchideenfreunde auf dem Seidelparkplatz, um zu ihrer diesjährigen Exkursion in die heimischen Orchideen aufzubrechen.
Unser Ziel war das NSG Gleistalhänge bei Löberschütz und Graitschen im Saale-Holzland-Kreis. Als Leiterin hatte sich - wie bereits in den Vorjahren - Frau Dr. Dietrich bereit erklärt.
Die Tour führte diesmal in Jenas Nordosten.
Nach Durchquerung der Stadt erreichten wir in einem östlichen Seitental der Saale den 781 Jahre alten Ort Kunitz, der mit zahlreichen weiteren Dörfern aber im Jahre 1994 der Universitätsstadt Jena eingemeindet wurde. Kunitz wird überragt vom imposanten Großen Gleisberg, seit dem Jahre 1961 Naturschutzgebiet, mit der weithin sichtbaren und aus der Mitte des 11. Jahrhunderts stammenden Gleisburg (heute Ruine), die in der Bevölkerung aber nur Kunitzburg genannt wird. Hier beginnt auch der westliche Bergbogen des sogenannten „Hufeisens“, das bis zu Jenas bekanntestem Berg, dem Jenzig, reicht. In Kunitz bogen wir allerdings nach Nordosten ab, umfuhren dabei den Großen Gleisberg, querten Golmsdorf und erreichten danach das eigentliche Gleistal, so benannt nach seinen in der Sonne glänzenden, steilen Muschelkalkhängen und freien Felspartien. Am Ortseingang der Gemeinde Löberschütz stellten wir an einem unbefestigten Parkplatz unsere PKWs ab, hier wartete auch Markus mit 3 Orchideenfreunden, und begannen mit der Wanderung per Fuß in Richtung NSG Zietschkuppe.
Auf einem schmalen, nur landwirtschaftlich genutzten  Pfad ging es moderat hangaufwärts. Linkerhand breiteten sich auf den sanft geneigten Röthängen die Felder aus, rechts säumten Gehölze den Aufstieg. An einer Stelle beäugte uns kritisch eine kleine Ziegenherde in einer Koppel. Weißdorn (Crataegus monogyna) und Gemeiner Schneeball (Viburnum opulus) standen in Vollblüte. In der Krautvegetation dominierten gelbblütige Orientalische Zackenschote (Bunias orientalis), Wiesen-Salbei (Salvia pratensis), Wiesen-Kümmel (Anthriscus sylvestris), Rapünzchen (Valerianella locusta) und blauviolette Akelei (Aquilegia vulgaris) inmitten der Gräser Aufrechte Trespe (Bromus erectus), Goldhafer (Trisetum flavescens), Wiesen-Rispengras (Poa pratensis), Wiesen-Schwingel (Festuca pratensis) oder Knäuel-Gras (Dactylis glomeraea).
Die abwechslungsreiche, momentan vom Gelb der Rapsfelder geprägte, farbenfreudige, hügelige Landschaft, die klare Luft, mit zwitschernden Lerchen und andere Vogel-Laute waren erholsam und wirkten wie „Seelenbalsam“!
Als wir die Hangstufe erreichten, wechselte der Untergrund zum Unteren Muschelkalk. Die  als NSG ausgewiesene und bekannte Zietschkuppe, ein steiler Hangabfall mit Uhu-, Neuntöter- und Goldammer-Vorkommen sowie zahlreichen Orchideen, vor allem den drei Ophrys-Arten, ließen wir allerdings rechterhand liegen. Das hatte vorrangig zeitliche Gründe, aber auch deshalb, weil die Hauptblüte der „Spinne“ und „Fliege“ sowie deren Bastards bereits vorüber war.
Landschaftsprägende und - wie man inzwischen weiß - ökologisch bedeutsame Streuobstwiesen säumten nun den Weg. Als Reste ehemaliger und inzwischen aufgelassener Intensivkulturen blühten zwischen den Bäumen dunkelrote Pfingstrosen (Paeonia officinalis), beeindruckend im Kontrast zum satten Grün der Gräser. Auch die Wiesen-Glockenblume (Campanula patula) beginnt mit ihrer Blüte. Die Fotografen unter uns fanden lohnenswerte Motive und nutzten sie!

Flachsleitewanderung
Im Gebüsch rechts und links des Weges blühten - allerdings wenige - Exemplare des Weißen Waldvögleins (Cephalanthera damasonium).
Eine Metallschranke verwies auf den Beginn eines besonders gefährdeten Teiles des NSG. Hier kam es darauf an, den Trampelweg konsequent nicht zu verlassen und den Blick immer wieder nach unten zu richten, denn vereinzelt wuchsen blühende Orchideen bereits hier. Zertretene Exemplare zeugten von Versäumnissen früherer und gegenwärtiger Besucher! Einige der fremden Wanderer mit erkennbarem Dialekt, aufgefordert, die Orchideen-Intensivfläche des Schutzgebietes zu verlassen, verweigerten dies und kreuzten eigenwillig mehrfach die Trockenrasen und -hänge!

Flachsleitewanderung
Uns begeisterte eine individuenreiche Population (mehrere Hundert Exemplare) des Dreizähnigen Knabenkrautes (Neotinea tridentata, ehemals Orchis tridentata) in Vollblüte. Auffällig war die große Variabilität in der Größe der Pflanzen, vor allem aber in der Blütenfarbe. Von Dunkel- über Hellrosa bis fast Weiß war alles vertreten. Bei dieser Orchidee ist die bis 12 mm lange, purpurrot gefleckte Lippe dreigeteilt, wobei der jeweils zweiteilige Mittellappen in seiner Ausbuchtung ein kleines Zähnchen trägt. Von diesem Merkmal leitet sich das wissenschaftliches Artbeiwort „tridentata“ (= dreizähnig) ab. Im Bestand befanden sich auch einige Exemplare, bei denen man aufgrund des verlängerten, kolbenförmigen und keines kopfförmigen Blütenstandes und veränderter Blüten Hybriden vermuten könnte. Aber mit welchem Elter? Es könnte sich nur um Bastarde mit den ebenfalls hier vorkommenden und verwandten Orchis purpurea (Orchis xalfredo-fuchsii) und/oder Orchis militaris (Orchis xcanutii) handeln, die allerdings von intensiven Kennern der Hybrid-Gruppen (z.B. H. Kretzschmar) als sehr zweifelhaft angesehen werden. Aber Abbildungen von Zweifach- und sogar vermuteten Dreifach-Hybriden werden im Internet gezeigt und angeboten.
Beinahe gingen die Orchideen im Pink der unzähligen erblühten Esparsetten (Onobrychis viciifolia) und dem Blau des Wiesen-Salbeis (Salvia pratensis) unter. Im Kontrast zu diesen Rot-Blau-Tönen stand das Gelb des Hufeisenklees (Hippocrepis comosa) und das Weiß der Margeriten (Leucanthemum vulgare).
Fast übersah man im Grün der Bodenvegetation eine weitere, allerdings unscheinbare Orchidee, das Große Zweiblatt (Listera ovata). Wenn man es aber erst einmal gesichtet hatte, erkannte man die Art überall. Schwieriger war es schon, die fast verblühten Reste der Spinnen-Ragwurz (Ophrys sphegodes) zu sichten. Die letzten Blüten im obersten Trauben-Abschnitt waren bereits sehr verblasst. Dagegen zeigte die Händelwurz (Gymnadenia conopsea) zwar ihre Blütenstände, aber selbst die untersten Blüten waren weder gefärbt noch geöffnet.
Aufgrund der hohen Teilnehmerzahl war es unmöglich, die Hangpartien zu ersteigen. Im Gebüsch waren jedoch vereinzelt Exemplare des Purpur-Knabenkrautes (Orchis purpurea) zu erahnen.
Sensationell für manche Besucher des Gebietes ist das Auftreten der Ohnhorn- oder Puppen- bzw. Männerorchidee (Aceras anthropophorum), von denen 5 Exemplare blühten. Diese seltene, etwa 35 cm hohe Orchidee zeichnet sich durch eine dichtblütige Ähre aus, in der die Einzelblüten gelbgrüne, an den Rändern violettbräunlich gefärbte Perigonblätter und eine ebenso dunkelrotbraun gesäumte, verlängerte Lippe besitzen. Diese kleine Population geht allerdings - leider - auf eine nicht genehmigte Ansalbung vor wenigen Jahren zurück! Nur in der thüringischen Rhön und wenigen Standorten in Südwest-Thüringen wird unser Bundesland erreicht.
Nun ging es in schnellerem Tempo zurück, damit wir noch ein nahe gelegenes zweites Orchideen-Biotop bei Graitschen, am Ende des Gleistales, aufsuchen konnten.
Inzwischen war der frühe Nachmittag angebrochen und einige Orchideenfreunde beendeten, hier die Tour, da private Verpflichtungen anstanden.
Der sogenannte Poxdorfer Höhenweg grenzt an das imposante, 1099 ha umfassende Naturschutzgebiet NSG Tautenburger Forst, das gleichzeitig als Fauna-Flora-Habitat-Gebiet (FFH-Gebiet) ausgewiesen ist. Nicht nur wegen seines Orchideen-Reichtums, sondern auch anderer seltener Pflanzen und Tiere wird es gerühmt. Das gesamte Gebiet ist von naturnahen, stark strukturierten Wäldern mit unterschiedlichen Wald-Gesellschaften und entsprechenden, wärmegetönten Waldsäumen bestückt. Dabei dominieren Buchen- und Eichen-Hainbuchen-Wälder, oftmals durchmischt mit Wald-Kiefer (Pinus sylvestris). Neben der namensgebenden Rotbuche (Fagus sylvatica) treten vorrangig Trauben- (Quercus petraea) und Stieleiche (Quercus robur), Feld- (Acer campestre) und Bergahorn (Acer pseudoplatanus), Sommerlinde (Tilia platyphyllos), Elsbeere (Sorbus torminalis), Hainbuche (Carpinus betulus), Haselnuss (Corylus avellana), Kornelkirsche (Cornus mas), Weißdorn (Crataegus laevigata), Wolliger Schneeball (Viburnum lantana) oder Wildrosen (Rosa div. Arten) auf. An feuchteren Partien kommt sofort die Esche (Fraxinus excelsior) als schnellwüchsiger Konkurrent hoch.
Erfreulicherweise zeigte sich in diesem Jahre das Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea) ungewöhnlich stattlich und individuenreich. Im Buchenwald blühten Weißes Waldvöglein (Cephalanthera damasonium) und Vogel-Nestwurz (Neottia nidus-avis). Natürlich nicht zu vergessen das wiederum sehr unscheinbare Große Zweiblatt (Listera ovata).
Dazwischen liegen kleine Offenlandbereiche, auch Muschelkalk-Geröllhänge, Felspartien oder südexponierte Trespen-Schwingel-Halbtrockenrasen, auf denen dann wieder zahlreiche Orchideen auftreten, vor allem Orchis militaris, Orchis purpurea und der Bastard Orchis xhybrida, Ophrys insectifera, Ophrys sphegodes und der Bastard Ophrys xhybrida.
Wir stiegen aber nicht zu diesen freien Flächen auf, sondern verweilten auf einer Wiese mit Streuobstcharakter (allerdings vielen abgestorbenen Kirschbäumen) und einer verfallenen, von Wein umrankten Hütte, auf der zahlreiche, extrem große und prächtige Exemplare des Purpur-Knabenkrautes die Fotografen, und natürlich auch alle anderen, entzückten. Dazwischen blühten zwei verschiedene, verwilderte Schwertlilien-Sorten in Blau- bzw. Gelb-braunvioletten Tönen, an anderer Stelle auch wieder Pfingstrosen. Der Blick auf die im Sonnenschein leuchtenden Felder, Wälder, Dörfer oder Gemeinden (z.B. die bekannte Töpferstadt Bürgel) war atemberaubend!

Folgende Orchideen trafen wir an beiden Standorten an:

 
Doch auch andere schöne oder seltene Pflanzen blühten, beispielsweise:

Nach Rückkehr zum Parkplatz umrundeten wir heimwärts den bis 384 m hohen Alten Gleisberg, dessen 114 ha großes Areal inzwischen ebenfalls zum NSG sowie FFH-Gebiet erklärt wurde. Auch dieser „Berg“ würde später einmal eine eigene Exkursion lohnen! Er ist von allen Seiten aus zu erwandern und viele Wege lassen die rare Pflanzen- und Tierwelt (vor allem Schmetterlinge, z.B. Schwalbenschwanz, Spinnen, Heuschrecken) erleben. Früher existierte hier sogar eine Siedlung auf dem Höhenkamm. Zahlreiche archäologische Funde aus der späten Bronzezeit und der vorrömischen Eisenzeit, bis ins frühe Mittelalter reichend, belegen dies nachdrücklich. Verwilderte, naturalisierte Pfingstrosen und mediterrane Gewürzpflanzen zeigen, wie intensiv das Gebiet früher agrarlich genutzt wurde!
Weiter ging es über Jenalöbnitz, Großlöbichau und Wogau (hübschen, idyllisch gelegenen Dörfern mit Mühlen, Fachwerkhäusern und Pfingstrosen-Feldern) bis zur Bundesstraße 7. Ohne Zwischenfälle erreichten wir nach wenigen Kilometern mit der Eisenberger Straße die Stadtgrenze von Jena-Ost. Kurze Zeit später, zurückgekehrt auf den Seidelparkplatz, wurden wieder die Autos gewechselt!
Ein erlebnisreicher Exkursionstag, der uns nicht nur zahlreiche heimische Orchideen und andere floristische Raritäten bescherte, sondern auch ein Paradeobjekt unserer attraktiven Saale-Landschaft präsentierte, lag hinter uns!

Text:Dr. Helga Dietrich

Bilder: Markus Ziermann, Francie Jagiella, Bernhard Korn, Hans-Joachim Pischeli

 

 

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Orchideenstammtisch Jena