Gruppenabend des Orchideen-Stammtisches Jena am 20. Januar 2011 mit dem Vortrag "Tulipomania - verrückt nach Hollands Tulpen" von Dr. Helga Dietrich

Am Donnerstag, den 20. 01. 2011, trafen sich 13 Mitglieder und 3 Gäste des Orchideen-Stammtisches in der Traditions-Gaststätte "Zur Noll", um einen Vortrag von Dr. Helga DIETRICH zum Thema: "Tulipomania - verrückt nach Hollands Tulpen" zu hören.

Unser Vorsitzender begrüßte eingangs - wie immer - alle erschienenen Orchideenfreunde und Gäste.
Allen Mitgliedern und Gästen des Jenaer Orchideenstammtisches wünschen wir für das Jahr 2011 persönlich alles Gute, eine erlebnisreiche und hoffentlich sorgenfreie Zeit sowie eine reiche Orchideenblüte!!! Den Geburtstagskindern der vergangenen Zeit wurde nachträglich, aber ebenso herzlich gratuliert.

Etwas später erschien wie immer der Inhaber Andreas JAHN persönlich, dem wir unseren Dank dafür, dass wir uns monatlich in entspannter Weise hier in der urig-gemütlichen Bohlenstube treffen können, ausdrückten. Dabei wurde ihm auch ein Buch (Jena musarum salanarum sedes) überreicht, erschienen im Jahre 2008, mit zahlreichen historischen, auch weniger bekannten oder erstmalig veröffentlichten Bildern nebst sachkundigen Erläuterungen zur Universitätsstadt Jena, an dem auch Dr. Helga DIETRICH mitgearbeitet hatte.

Anschließend wurden mehrere organisatorische Punkte angeschnitten und vor allem nochmals die Fahrt zur Messe "Dresdner Ostern" im April, vor allem die entgültige Teilnehmerzahl, diskutiert.

Als Einziger hatte Dr. Horst LANG zwei Pflanzen mitgebracht, außer der Orchidee Paphiopedilum Mem. Heimfried Beck, einer schon älteren, aber hübsch und reich blühenden Hybride, eine nichtblühende Pinguicula-Art. Daraufhin entwickelte sich eine längere Diskussion über Vorkommen, Verwendung und Kultur der letztgenannten Insektivoren-Gattung, von denen auch einige Exemplare an Interessenten abgegeben wurden.

Es schloss sich die Vorstellung neuer Orchideenliteratur an, die auch reichlich auslag. Dieser Tagesordnungspunkt wurde vor den Anfang des Vortrages gelegt, damit Störungen, die mit dem schubweisen Hineintragen der Speisen und Getränke einhergehen, nicht den Vortrag zu sehr beeinträchtigen.

Hierbei wurden von der Referentin anhand von 150 Dias Impressionen von der einmaligen Farborgie blühender Pflanzen in einer weltweit bekannten holländischen Parkanlage (Keukenhof) im Osteraspekt, seine Kunstwerke und Ausstellungen, daneben kurze Eindrücke von Amsterdam, dem Fischerdorfes Volendam, dem Seebad Scheveningen und vor allem von den blühenden holländischen Tulpenfeldern gezeigt.

Haupteingang zum Keulenhof

Amsterdam als Hauptstadt der Niederlande mit ca. 750.000 Einwohnern liegt in der Provinz Nord-Holland, an der Mündung des Flusses Amstel. Die Stadt ist durch den Noordzeekanaal mit der Nordsee verbunden und durch einen Damm gegen Überschwemmungen geschützt, dabei von zahlreichen Grachten (Wasserkanälen) durchzogen. Amsterdam wurde ähnlich wie Venedig auf etwa 5 Millionen Tannenstämmen erbaut!
Das etwa 50 km entfernte den Haag mit ca. 500.000 Einwohnern mit Sitz der Regierung und Residenz des Königshauses liegt bereits in der Provinz Süd-Holland, nur 6 km von der Nordsee mit seinem berühmten Seebad Scheveningen entfernt. In der Nähe befindet sich das kleine Örtchen Lisse, das aufgrund seiner geeigneten, kalkhaltigen Sandböden ("geestground") in Jahrhunderte langer Entwicklung zum Zentrum der internationalen Blumenzwiebelzucht avancierte.
Zum Ort gehört auch eines der beliebtesten holländischen Touristenziele, der weltberühmte, bereits genannte, 32 ha große Keukenhof. Erwähnt wurde er bereits im 15. Jahrhundert. Er war nämlich der Küchengarten (= "Keukenhof") der Gräfin Jacoba von Bayern, die hier auf den fruchtbaren Böden Gemüse und Kräuter anbauen ließ. Kern des Geländes ist in heutiger Zeit ein Englischer Park, den der Landschaftsarchitekt Jan David ZOCHER im 19. Jh., konkret ab 1850, rund um das Schloss Teylingen anlegte. Er beinhaltet zum jetzigen Zeitpunkt ca. 2.500 Gehölze aus 87 Arten und Sorten und wird von einem Netz von 15 Kilometern Spazierwegen durchzogen.
Er gilt nicht nur als Europas größter Schaugarten, sondern auch als der schönste Frühlings-garten der Welt! Obwohl jährlich nur zwei Monate zwischen 21. März und 20. Mai geöffnet, zieht er aber in dieser kurzen Zeit etwa 900.000 Besucher an.
Die Eigenwerbung des Objektes verspricht:

Blumenpracht auf dem Keukenhof
"Es gibt keinen Ort auf der Welt, bei dem der Frühling seine Farbenpracht so zeigt, wie auf dem Keukenhof. Hier können Sie sich inspirieren lassen und gleichzeitig in einer wunderschönen Parkanlage entspannen. Keukenhof hat außer den Millionen blühender Blumenzwiebeln auch wunderschöne Blumenausstellungen, den größten Skulpturengarten der Niederlande und ist der meist fotografierte Ort der Welt. Genießen Sie den Frühling, besuchen Sie den Keukenhof und vergessen Sie auf keinen Fall Ihren Fotoapparat!"
1949 regte nämlich der einstige Bürgermeister von Lisse eine Public Relations-Aktion für die Gärtner der Region an, um der ehemals einträchtigen Blumenzwiebel-Produktion in den wirtschaftlich kargen Zeiten kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, wo die Menschen meist andere Probleme hatten, wieder auf die Beine zu verhelfen. Mit Hilfe von 10 Blumenzwiebel-gärtnern ließ er damals das Gelände in ein Blumenmeer verwandeln. Diese Ausstellung erlebte bereits im ersten Jahr einen Besucher-Ansturm, der sich bis in die Gegenwart sogar potenziert hat!
Aktuell bilden jährlich etwa sieben Millionen Tulpen, Narzissen, Hyazinthen, Träubelhyazinthen (Muscari), Blaustern (Scilla), Schneestolz (Chionodoxa), Krokusse, Kaiserkronen, Anemonen und weitere Frühjahrsblüher farbenprächtige Blütenteppiche inmitten der Parkanlage. Die Zwiebeln werden inzwischen von Hunderten von holländischen Gärtnern zur Verfügung gestellt.

Tulpen, wohin man schaut

Zwischen den Bäumen, Beeten und Pavillons verbergen sich außerdem zahlreiche Kunstwerke, meist Skulpturen im realistischen bis abstrakten Stil, von bekannten oder aufstrebenden holländischen Künstlern gesponsert oder leihweise aufgestellt. Manche von ihnen sind überaus beliebte Fotoobjekte. Aber auch Restaurants, Verkaufsstände und eine mehr als Hundert Jahre alte Mühle laden zum Verweilen, Kaufen und Entspannen ein.
Wie kam es aber überhaupt zu dieser, auf ein pflanzliches Objekt fokussierten Faszination?
Um 1600 eroberten die damals exotischen, mit prächtigen Farben geschmückte Blüten der Tulpen von der Türkei aus Europa im Sturm. Doch kannte man sie, vor allem die europäische Art Tulipa sylvestris, im botanischen Schrifttum schon etwas früher. Zeugnisse dafür liegen auch aus dem jetzigen Mitteldeutschland, z.B. aus Thüringen und Sachsen, vor. Sie war einerseits botanisches Studienobjekt, andererseits wurde sie aber auch als Diplomaten-geschenk, Siegessymbol oder gar als Talisman mitgebracht. Die Tulpe zierte Rüstungen und Waffen, galt als Dekorationsmotiv für kostbare Textilien, Spitzen oder Kleidung, war auf luxuriösen kunstgewerblichen Objekten oder Möbeln, Uhren, Fliesen, Porzellan, Steingut und natürlich auf kostbarem Schmuck abgebildet. Bei Gemälde-Stilleben erwies sie sich als eines der beliebtesten Pflanzen-Motive jener Zeit (und erreichte im Jugendstil eine neue künstlerische Blütezeit).
Betuchte Europäer lernten die Tulpe also schon vor etwa 400 Jahren kennen und schätzen. Innerhalb weniger Jahre eroberte sie als begehrtes Sammlerobjekt eine exponierte Stellung als Schnittblume, aber auch als Gartenschmuck. Ihre außergewöhnliche Beliebtheit führte zu entsprechenden florierenden Geschäften. Die Tulpe wurde in kürzester Zeit sogar Spekulationsobjekt an der Börse. Für 3 Zwiebeln der Sorte 'Semper Augustus' (der "Immer Erhabene") wurde im Jahre 1637 die phantastische und fast unvorstellbare Summe von
30. 000 Gulden geboten!!! Demzufolge entsprach eine Tulpenzwiebel begehrter Sorten damals in etwa dem Wert eines komfortablen Patrizierhauses.
Das war der Höhepunkt der "Tulipomania", der Tulpenverrücktheit jener Zeit! Im Februar 1637 kam es jedoch zu einer ernsten finanziellen Krise. Der künstlich aufgeblähte Markt fiel in sich zusammen - eine solche Situation kennen wir aktuell inzwischen leider auch aus eigenem Erleben! Viele Menschen, vor allem aber die Spekulanten, verloren ein Vermögen.
Doch nicht jeder bedauerte sie. Künstler wie Jan Peter BRUEGHEL der Jüngere, Cornelis DANCKERTS oder Hendrick POT geißelten in Gemälden oder satirischen Stichen, andere wiederum in satirischen Pamphlets, die damit verbundene Habgier und das offensichtlich alleinige Profitstreben mit eindrucksvollen Allegorien.
Aber die Tulpe blieb auch nach diesem ersten Börsencrash der Geschichte ein Objekt, durchaus ein Luxusartikel, für allerdings ausschließlich finanziell gut stehende Bürger Europas und Vorderasiens.
Erst nachdem sie im Verlaufe späterer Jahrhunderte zum kommerziellen Mittelpunkt eines weltweiten Handels geworden war, neue Arten aus den asiatischen Steppen- und Gebirgs-regionen entdeckt und einbezogen wurden, natürlich auch eindrucksvolle, manchmal sogar spektakuläre Züchtungs- und Vermehrungserfolge bis in die heutige Zeit zu verzeichnen waren, avancierte sie zu einer der beliebtesten Gartenpflanzen für alle Bevölkerungsschichten.
Trotz ihrer Popularisierung und damit enormen Verbreitung hat die Tulpe ihre fast magische Ausstrahlung auch heute nicht verloren.

Ausstellungshalle auf dem Keukenhof
Doch nicht nur das Freigelände des Keukenhofes lockt bei einer Besichtigungstour. Denn in verschiedenen Hallen, nach Mitgliedern des Königshauses benannt, wird eine Blumenpracht in ständig wechselnden Schauen (Paraden) gezeigt: z.B. empfindliche oder neue Tulpen-Sorten, Rhododendron, Chrysanthemen, Gerbera, Anthurien, Hippeastrum, Orchideen (z.B. Miltonia-Hybriden, Oncidium-Hybriden, Cymbidium, Vanda) oder aufwendig zusammen-gebundene Blumengestecke.
Der Keukenhof ist vom 21. März bis zum 20. Mai täglich von 8.00 bis 19.30 Uhr geöffnet.
Der Eintritt beträgt für Erwachsene 11,- Euro, für Kinder von 4 bis 11 Jahren 5,50 Euro.
Informationen: Keukenhof Lisse
Tel: 0031 - 252 - 465 505, Fax: 0031 - 252 - 465 565
Internet: www.keukenhof.nl

Hollands Tulpenfelder

Unsere nächste Zusammenkunft wird am 17. Februar 2011 stattfinden, in der ein Vortrag von Rudolf (Rudi) BEYER (Arbeitskreis Heimische Orchideen, Regionalsektion Jena) zum Thema "Orchideenexkursion im Ural" im Mittelpunkt stehen wird.

Text und Fotos: Dr. Helga Dietrich

 


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Orchideenstammtisch Jena