Sommerfest des "Orchideenstammtisches Jena" in Ziegenrück - Hohenwartetalsperre am Samstag, den 13. Juni 2009

Teil 1

Nun schon traditionsgemäß zum dritten Male versammelten sich am Samstag, den 13. Juni 2009 pünktlich zur Mittagszeit 17 Mitglieder des „Orchideenstammtisches“ (sowie unsere kleine, so brave Soraya) im malerisch an der Saale gelegenen Ziegenrück (318 m ü NN) vor der Gaststätte „Hotel am Schlossberg“. Der zumindest in Thüringen bekannte und geschätzte Erholungsort ist eine etwa 1000 Jahre alte Kleinstadt im Thüringer Schiefergebirge (Saale-Orla-Kreis) mit reichlich 700 Einwohnern. Sein Name Ziegenrück (auch im Wappen bildlich verewigt) geht auf eine alte sorbische Siedlung zurück, deren Name „Czeganrucke“ nichts anderes als „Flussbogen“ oder „Flussschlinge“ bedeutet. Sein enger, kurvenreicher, aber historisch wertvoller Stadtkern bietet eine kleine, dreischiffige, spätgotische Hallenkirche St. Bartolomäus aus dem 13. Jhd. mit einem benachbarten Pfarrhaus im saalefränkischen Bauernstil und einem Renaissance-Portal sowie einem aus dem 16. Jhd. stammenden Rathaus, dessen Außenpartien früher mit Figuren bemalt waren, die Berufe wie Bauern, Jäger oder Schäfer darstellten, sich jetzt aber im schlichten Fachwerkstil zeigt. Markant in weißen und ocker Farben ragt auch die viereckige Kemenate auf dem Schloßberg am Ende der Saale-Stauschleife als Rest einer im Jahre 1261 erstmals erwähnten Wehrburg empor, ehemals als Jugendherberge, inzwischen privat genutzt. Aus der jüngeren Geschichte ist besonders das technisch wertvolle Wasserkraftmuseum (montags geschlossen) als einziges in Deutschland mit einem historischen, weil ältesten Laufwasserkraftwerk (Baujahr 1900) sowie einem spektakulären Hochspannungswandler mit Lichtbogendarstellung sehenswert. Ansonsten ist der gesamte Ort auf Erholung und Tourismus eingestellt, weil alle Industrieanlagen inzwischen geschlossen wurden, und bietet neben geschätzter thüringischer Gastronomie auch vielfältige Freizeitangebote wie Möglichkeiten zum Wandern, Rudern, Paddeln, Wassertreten und -Ski, Reit- und Kutschfahrten, Radfahren, Angeln, Bowling, Sauna und Wellness. Der Saale-Radweg mit seinen 427 km von der Quelle am Großen Waldstein im Fichtelgebirge bis zur Mündung bei Barby in die Elbe, der Bergwanderweg Eisenach-Budapest sowie der Rundwanderweg Saale - Wisenta - Plothengrund, der sich unmittelbar an den 22 km langen Rundkurs Hohenwarte - Stausee anschließt, tangieren ebenfalls den Ort.
Leider fehlt uns die Zeit, sich all diesen Sehenswürdigkeiten zu widmen. Die Organisatoren des Tages, Familie Dr. Horst und Anneliese Lang, empfangen die - wie immer - in Fahrgemeinschaften eintreffenden Mitglieder und haben große Mühe, sie in die aufgrund des idealen Wetters übervollen Parkflächen einzuweisen. Wir haben meteorologisch großes Glück, denn nach zahlreichen unwetter- und sturmreichen Tagen scheint erstmals ganztägig die Sonne, begrüßt uns ein azurblauer Himmel mit Schönwetterwolken bei milder, leichter Luftbewegung. Also, ideales Wander- und Erholungswetter; wir haben es verdient und genießen es!
Nach einer Begrüßung an einem bedeutsamen und sehr markanten, aufgeworfenen Tonschiefer- und Grauwacken-Geotop Thüringens (Nr. 71), der sogenannten „Ziegenrücker Falte“ aus dem Erdaltertum (Paläozoikum: Unterkarbon vor ca. 330 Mio. Jahren), erklärt uns H. Lang einige wichtige geologische und historische Fakten zum heutigen Exkursions-Ort. Das vor uns liegende geologische Objekt gilt als ein wichtiges natur- und kulturraumtypisches Landschaftselement von besonderer erdgeschichtlicher Bedeutung im Bereich des Thüringischen Schiefergebirges, das in vielen Geologiebüchern behandelt, zumindest aufgeführt ist. Solche Objekte werden allgemein als geowissenschaftlich schutzwürdige Objekte oder als Geotope bezeichnet. Sie zeichnen sich durch Seltenheit, Eigenart oder Schönheit aus und bekamen meist bei ihrer festgestellten Schutzwürdigkeit einen rechtlichen Schutz als Naturdenkmal.
Die Schieferfelsen rund um die Hohenwarte- und Bleilochtalsperre weisen jedoch auch eine hochinteressante, meist wärmeliebende und dadurch spezialisierte Pflanzen- und Tierwelt auf. Wir bewundern an den steilen, lichtexponierten und sonnenwarmen Schieferfelspartien zahlreiche Horste des seltenen, aber unscheinbaren Nördlichen Streifenfarns (Asplenium septentrionale). Er wird nur etwa 15cm lang. Seine Blattwedel sind ungleich zwei- bis fünfgabelig eingeschnitten und erinnern gar nicht an einen typischen Farn. Seine Sporenhaufen (Sori) sind schmal-linealisch geformt (davon leitet sich der deutsche Gattungsname Streifenfarn ab!) und sitzen an den Endbereichen der Blattunterseite. Der Nördliche Streifenfarn benötigt einen kalkfreien, zumindest -armen Untergrund. In Deutschland tritt diese Art im Süden zerstreut und in der Mitte selten auf, während sie im Norden gänzlich fehlt.

Ausfahrt nach Ziegenrück

Nach dieser kurzen Einstimmung queren wir die Saale über eine Brücke und fahren mit unseren Autos zum nahen Parkplatz, von dem aus ein ca. 700 m langer Wanderweg durch einen schattigen Mischwald bis zur Dampfer-Anlegestelle führt. Überall hat sich hier auf dem sonnigen Parkplatz ein rasch ausbreitender Neubürger unserer Heimat (Neophyt, „Alien“), die bis 1,2 m hohe Neubelgische Aster (Aster novi-belgii), angesiedelt und steht mit ihren hellvioletten Körbchenständen in voller Blüte.
Wir beabsichtigen, um 12.45 Uhr mit dem Fahrgastschiff „Drachenschwanz“ auf dem östlichen Hohenwarte-Stausee als Teil des Landschaftsschutzgebietes „Obere Saale“ bis zur renovierten Linkenmühle und zurück zu fahren. Die jeweils dreiviertelstündliche Fahrt geht durch eine weitgehend idyllisch anmutende Natur, wo Wasser, Wald und Felsen miteinander harmonisieren, wenn auch in jüngster Zeit der Uferrand teilweise mit Bungalows zugebaut wurde und der Sturm „Kyrill“ an manchen Stellen seine immer noch sichtbaren Verwüstungen hinterließ!
Unser reichlich 25 m langes Fahrgastschiff mit Bistro an Bord wurde eigentlich im Jahre 1928 als Eisbrecher in Amsterdam gebaut. Durch seine technischen Daten (schlanke Form, geringer Tiefgang von 0,7 m, 176 PS starker Dieselmotor, mit um 360o drehbarer Schiffsschraube) ist es jedoch auch ideal für alle Fahrten auf dem Stausee geeignet. Bis zum Frühjahr 2002 wurde das Schiff durch die Stadt Wiesmoor in Ostfriesland genutzt. Die jetzigen Besitzer und Familien-Betreiber holten es in einer spektakulären und medien-wirksamen Aktion auf einem 600 km langen Wasserweg über Ems, Dortmund-Ems-Kanal, Mittellandkanal und Elbe bis Aken sowie anschließend auf dem Landweg mit einem Schwertransporter in drei Tagen bis zur Hohenwarte-Talsperre, wo es mit Hilfe von zwei Kränen sicher zu Saale-Wasser gelassen wurde.
Wir genießen bei herrlichstem Fotowetter einen, wenn auch nur kleinen Teil der etwa 80 km Staulänge des größten zusammenhängenden Staugebiets Deutschlands. Der Bau wurde in den Jahren 1936-1944 vollzogen. Die Wasserfläche beträgt (bei Vollstau) 730 Hektar bei einem Stauraum von 182 Mio. m2. Die etwas überhöht, aber stolz im Volksmund (zusammen mit der Bleiloch-Talsperre) als „Thüringer Meer“ bezeichneten fünf Saale-Staustufen durch-schlängeln hier in zahlreichen Windungen das Schiefergebirge, wodurch eine bizarre Landschaft mit steilen Uferhängen entstand. Auf unser Fahrstrecke hat die Saale als „Blaues Band“ noch annähernd ihren Charakter als Flusslauf erhalten. Alle Teilnehmer unserer Tour, teilweise die Sonne genießend oder im Schatten sitzend, fühlen sich wohl, fotografieren eifrig, unterhalten sich oder genehmigen sich Getränke bzw. einen kleinen Imbiss. Roter Milan und Graureiher überfliegen uns, Stockenten durchfurchen genauso wie zahlreiche Wassersportler den Saalearm. Vorbei geht es am ehemaligen Conrod-Kraftwerk, im Jahre 1920 durch die Firma Carl-Zeiß-Jena erbaut und ab 1922 genutzt, an der sagenumwobenen Teufelskanzel, einem 390 m hoch gelegenen Felsmassiv mit Aussichtspunkt und herrlichem Rundblick, oder am „Holzmichl“, einer Datschensiedlung. Der Kapitän als Schiffsführer gibt persönlich zahlreiche Erläuterungen. Weitere Details erfahren wir von H. Lang (siehe Extra-Teil zur Historie unseres Exkursions-Ortes!).

Talsperrenausfahrt

An der Linkenmühle (312 m ü NN) angekommen, steigen wir aus. Dieses Ausflugsziel kann auf eine lange und wechselvolle Geschichte bis ins 14. Jhd. zurück blicken. Diese ehemalige Mahl- und Schneidemühle wurde nebenbei schon jahrzehntelang als Gasthaus betrieben und stellte in DDR-Zeiten ein bekanntes und beliebtes Ausflugsziel dar. Nach der Wende führten ungeklärte Eigentumsverhältnisse zum Verfall. Erst nachdem im Jahre 2000 die traditionelle Rosenbrauerei Pößneck das Objekt erwarb und aufwendig renovierte, entwickelte sich die Linkenmühle wieder zu einer prosperierenden Gastwirtschaft. Der Name leitet sich übrigens davon ab, dass die erste und alte Linkenmühle, in Fliessrichtung gesehen auf der linken Saaleseite erbaut wurde. Bis zum Ende des 2. Weltkrieges existierte an dieser Stelle eine erst in den Jahren 1939-1944 erbaute Brücke, die allerdings in den letzten Kriegstagen von deutschen Soldaten gesprengt wurde, um die amerikanische Armee aufzuhalten. Aktuell kann man mit einer Autofähre übersetzen.
Wir haben Zeit bis 15.30 Uhr, uns mit Kaffee, Kuchen und/oder Eis zu laben. Doch nach dem lukullischen Genuss heißt es wieder - ebenfalls traditionsgemäß wie in jedem Jahr - die Kalorien zu verbrennen, indem das Gehirn beim Quiz (von H. Dietrich vorbereitet), in diesem Jahr unter der Thematik „Rund um die Pflanze“ stehend, strapaziert wird. Allen rauchten die Köpfe; manchmal wurde wie in besten Schulzeiten beim Nachbarn „gelunscht“! Die Gewinner standen zwar fest (Sieger wurde Horst Kühn aus Rudolstadt), aber die Preisverteilung musste aufgrund des eingetreten Zeitdruckes auf unseren Waldspaziergang in Richtung Parkplatz verschoben werden.
Das MS „Drachenschwanz“, der 130 Passagieren Platz bietet, war, weil es sich um die letzte Tagestour in Richtung Ziegenrück handelte, übervoll. Wir mussten uns dicht an dicht drängen, fast „kuscheln“ und sogar Stühle in die Gänge stellen, um eine Sitzgelegenheit zu ergattern. Trotz dieser Schwierigkeiten verging die fünfundvierzigminütige Heimfahrt viel zu schnell. An einer schattigen Stelle mit Bank breiteten wir danach unsere mitgebrachten Preise aus und bedachten alle Gewinner mit herzlichem Beifall. Manche Diskussion ergab sich. Wir nutzten die Gelegenheit, um nächste Termine abzusprechen und die September-Fahrt nach Dresden zur Orchideenausstellung des EOC 2009 grob zu skizzieren. Unser Vorsitzender Achim Pischeli sprach den Organisatoren Dank aus.
Ein gelungener Nachmittag, an dem das Wetter entscheidenden Anteil hatte, ging leider seinem Ende entgegen! Die Heimfahrt wurde wieder individuell angetreten.

Dr. Helga Dietrich

Bilder: Thomas Bopp und Hans-Joachim Pischeli


 

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Orchideenstammtisch Jena