Bereits bei der Diskussion um das Jahresprogramm 2010 des Orchideenstammtisches Jena im vergangenen Jahr diskutierten wir u.a. über die Möglichkeit, endlich einmal auch die bekannte und geschätzte Orchideenausstellung in Bad Salzuflen zu besuchen. Nach verschiedenen erörterten Möglichkeiten, das knapp 400 km entfernte Heilbad, im Kreis Lippe (Nordrhein-Westfalen) gelegen, zu erreichen, einigten wir uns für eine etwas strapaziöse, aber kostengünstige Variante, an einem Tage hin und her zu fahren. Dafür wurde ein 9-Personen-Opel-Kleinbus gemietet. Sehr zügig, aber auch sehr konzentriert fahrend, brachte uns unser Mitglied Horst Kühn, der in früheren Jahren hier auch als Aussteller fungierte und deshalb die Route perfekt beherrschte, in die von Fachwerkhäusern geprägte, mittelgroße Stadt in Nähe des Teutoburger Waldes. Unsere Ziegenrücker Mitglieder fuhren dagegen mit einem Privat-PKW und gemeinsam mit einem Hofer Ehepaar getrennt von uns und übernachteten in der Stadt. In Bad Salzuflen trafen wir zusammen. Einige unvergessliche Stunden auf der sehenswerten Schau sollten vor uns liegen!
In diesem Jahre fand die 21. Orchideenschau vom Donnerstag 4. März bis Sonntag 7. März 2010 statt, eine Ausstellung, die jeweils in einem zweijährigen Rhythmus seit dem Jahre 1970 ausgetragen wird. Sie gilt unter Kennern mit ihren knapp 5.000 Quadratmetern Ausstellungs-fläche als eine der größten, vorrangig aber als eine der schönsten Ausstellungen zu unseren Lieblingspflanzen in Europa! In diesem Jahre stand leider nicht wie früher die Konzerthalle des Kurparkes, die gegenwärtig sehr aufwendig restauriert wird, zur Verfügung, so dass ein 1.000 Quadratmeter großes, vollklimatisiertes Zelt vor der Wandelhalle aufgebaut werden musste, in dem die Händler ihre Schätze einschließlich des gärtnerischen Zubehörs anboten. Die unerwartet niedrigen Außentemperaturen, teilweise Schneefall, Glätte und Sturm - der Winter hatte Deutschland immer noch fest im Griff - bedeuteten für die Veranstalter hohe Zusatzheizkosten, um die benötigten Innentemperaturen stabil zu halten und auch bei den eintreffenden Wetterkapriolen zu gewährleisten. Zudem wurden sie in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag geschockt, weil der Stecker eines Heizlüfters durch unbekannt bleibenden Vandalismus herausgezogen wurde und dadurch einige Pflanzen auch leichte Frostschäden erlitten.
Knapp 60 Aussteller nicht nur aus Europa, sondern auch aus Übersee (Brasilien, Ecuador, Malaysia, Taiwan), hatten sich angesagt und zeigten im Verein mit den Verantwortlichen der Schau [Kurverwaltung des Staatsbades Bad Salzuflen gemeinsam mit den Orchideenfreunden Ostwestfalen-Lippe (OOWL) unter Vorsitz von Helmut Krusche] ein gelungenes, buntes Mosaik von Orchideen aus fast allen Vegetationszonen der Erde. Reine Arten und farbenprächtige Hybriden waren gemeinsam mit anderen exotischen Pflanzen, aber auch sonstigem, phantasievollen Beiwerk geschmackvoll arrangiert. Terrestrische Arten, bei denen extrem großblütige Paphiopedilen dominierten, wurden von überquellenden Epiphytenstämmen und -bäumen umrahmt. Die Kameras klickten und blitzten permanent. Gleich am Eingang der Wandelhalle kam es zum Stau. Verantwortlich dafür waren aber nicht das Cafe, in dem sich manche Gäste bereits am Vormittag an Kaffee und Kuchen labten, oder ein Schmuck- und Geschenke-Verkaufsstand, sondern eine Orchidee, die gemeinsam mit einem später am ebenfalls gelungenen Stand der Firma Marko Holm gesichtetem Angraecum sesquipedale mit 13 (!) großen Blüten als „Champion“ der Ausstellung ausgezeichnet war. Bei ersterer handelte es sich um ein ungewöhnlich hochwüchsiges Exemplar von Paphiopedilum 'Bel Royal' mit 6 Blüten, als Hybride von Paphiopedilum rotschildianum (Borneo: Mt. Kinabalu) mit dem äußerst seltenen Paphiopedilum kolopakingii (Borneo: Kalimantan) entstanden. Ein Angraecum der gleichen Art war bereits auf der letzten Ausstellung am Stand der Orchideenfreunde Niedersachsens als Champion bewertet worden, damals allerdings „nur“ mit 6 Blüten und 2 Knospen ausgestattet. Um alle Raritäten der Ausstellung aufzuzählen, mangelt es hier an Platz. Jeder der Besucher wird sich seine Favoriten selbst gewählt haben. Auffällig und selten zu sehen, auch bezüglich der Jahreszeit, waren verschiedene Cypripedium-Arten und -Sorten, von denen nur C. 'Victor' als Beispiel genannt sein soll. Nur wer selbst einmal versucht hat, solche ohnehin heiklen Kandidaten zu verfrühen und auf einen Ausstellungs-termin hin zu „trimmen“, kann beurteilen, welches gärtnerisches Fingerspitzengefühl und vielleicht auch welches Quentchen Glück dazu gehört, das zu schaffen! Von den ausgezeichneten Ständen seinen nur einige Preisträger erwähnt. So erhielten die Orchideenfreunde Ostwestfalen-Lippe verdienterweise den Ehrenpreis oder die Orchideenfreunde Südniedersachsens und der Chemnitzer Blumenring jeweils Goldmedaillen. Besonders im Verkaufszelt konnte auch manch winzige Naturorchidee im blühenden Zustand bewundert werden, allerdings von vielen Besuchern, die keine Spezialisten sind, oftmals übersehen. An dieser Stelle sei auch auf zwei Beispiele von epiphytischen Nichtorchideen-Pflanzen hingewiesen, die an der linksseitigen Zeltwand hingen, wie einige sehr seltene Farnpflanzen (z.B. Ophioglossum pendulum) oder als Bärlappe mehrere Lycopodium- bzw. Huperzia-Arten, z.B. L. tristachyum.
Als wir am Eröffnungstage in der Ausstellungshalle eintrafen, hatte gerade die offizielle Begrüßung begonnen. Sie ist traditionsgemäß gekoppelt mit der Taufe einer neuen Orchideenzüchtung. In diesem Jahre - wie bereits auf der letzten Ausstellung - wurde wieder eine Phalaenopsis -Hybride ausgewählt, die vom Züchter Peter Kopf von der Orchideen-gärtnerei Kopf in der Donaustadt Deggendorf erzeugt wurde. Es handelt sich dabei um eine Kreuzung von Phalaenopsis amabilis-Typ 'Alice Gloria' mit P. stuartiana 'Larkin Valley', die stark verzweigt und lange haltbar sowie mit mittelgroßen, weißen, schwach rotgepunkteten Blüten und gelblicher Lippe ausgestattet ist. Diese Taufe wurde von Frau Friederike Strate als Mitinhaberin der Detmolder Brauerei vollzogen, die dabei geschickter weise für Bier als Orchideendünger warb, und die auch gleichzeitig die Schirmherrschaft über die diesjährige Ausstellung übernommen hatte. Sie taufte die neue Züchtung auf den Namen 'Braumeisterin Friederike'. Diese Eröffnungs-Zeremonie wurde vom Kurorchester Bad Salzuflen (in kleiner Besetzung) musikalisch begleitet.
Doch nicht nur Orchideen und ihre exotischen „Brüder und Schwestern“ wurden ausgestellt, sondern auch mehrere Info-Stände eingerichtet, an denen auch der unkundigste Orchideen-Anfänger geduldig seine teils ungeschickten Fragestellungen beantwortet bekam. Die vielen ehrenamtlichen Helfer der OOWL-Gruppe und tatkräftige Mitglieder befreundeter Gruppen waren permanent unterwegs, um die bei solchen großen Ausstellungen auftretenden „Problemchen“ zu lösen, Fragen zu beantworten oder wichtige Gäste zu betreuen.
In einer großen, halbrunden Nische der Halle wurden, von manchem Besucher gar nicht bemerkt, durch die heimischen Terrarienfreunde (aus Bad Salzuflen und Enger, Kreis Herford) riesige tropische Insekten mit perfekter Mimikry-Ausstattung und -Haltung in Terrarien demonstriert. Hierbei erwies sich manchmal das Aufspüren der bizarren, scheinbar erstarrten, aber lebenden Kerbtiere wie eine Vexierbild-Suche. Aber auch Pfeilgiftfrösche ergänzten die kleine, aber feine Spezialausstellung.
Im großen Zelt drängelten sich dagegen die kaufwilligen Besucher an den Ständen wie auf einem Basar. Mancher geriet dabei sogar in einen richtigen „Kaufrausch“. Auch die meisten Mitglieder unseres Stammtisches trugen bei der Abfahrt stolz ihre prall gefüllte Plastetüten zum Kleinbus. Ob wir bei unseren späteren Gruppenabenden die eine oder andere Orchidee auch wieder blühend vorgestellt bekommen?
Eine große Überraschung gab es für uns, denn unsere kleine Gruppe, die ihren Besuch beim Vorsitzenden der Orchideenfreunde Ostwestfalen-Lippe angekündigt hatte, wurde von Mitgliedern und Angehörigen des OOWL in ihren „Rückzugs- und Pausenraum“, einem vom Kurbad aufgegebenen, aber noch komplett eingerichteten ehemaligen Cafe, eingeladen und mit Speise und Trank bewirtet. Liebevoll waren belegte Brötchen, Suppen, Gebäck und Kuchen mit köstlichem Kaffee oder kalten Getränken vor allem von den weiblichen Vereinsmitgliedern vorbereitet oder wurden permanent zubereitet, dabei freundlich angepriesen, auch serviert sowie das Geschirr abgeräumt und abgewaschen. Die Kosten für all diese Verpflegung während der kompletten Ausstellungstage, auch für alle beteiligten Helfer und gärtnerischen Aussteller, trug der mitgliederstarke Verein wie in allen anderen Jahren vorher. Dabei ergaben sich für uns nette wechselseitige Gespräche. An dieser Stelle sei dafür nochmals ganz, ganz herzlich gedankt! Wir hätten uns in der geringen, zur Verfügung stehenden Zeit nicht anderweitig niederlassen und kurz verschnaufen können! Auch mancher lang nicht gesichtete Orchideenfreund wurde in diesem Raum oder in den Ausstellungshallen getroffen!
Nach Abschluss der Orchideenschau konnte folgendes Resümee ermittelt werden: die Wetterkapriolen und die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise bewirkten, dass etwas weniger Besucher als in früheren Jahren kamen. Insgesamt konnten die Veranstalter rund
16.000 Besucher verbuchen - trotz des geringen Rückganges ein schöner Erfolg! Auch die Verkäufer waren am Ende mit dem erzielten Erlös mehr als zufrieden.
Unser Fazit des Ausstellungsbesuches lautet: eine Orchideenschau der Superlative, die ihre weite Reise wert war!
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