Nachdem der Monat April 2011 übermäßig trocken und im langjährigen Durchschnitt zu warm war, hatte die Vegetation, durch den langen, schneereichen Winter anfangs gebremst, inzwischen alles auf- und sogar überholt. Die ersten Orchideen wie Bleiches Knabenkraut (Orchis pallens) und Spinnen-ragwurz (Ophrys sphegodes) waren am Verblühen, Korallenwurz (Corallorhiza trifida), Fliegen-ragwurz (Ophrys insectifera) und Stattliches Knabenkraut (Orchis mascula) standen in Vollblüte. Die ersten Exemplare vom Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea) waren halb erblüht, sogar schon vom Frauenschuh (Cypripedium calceolus) und Bleichem Waldvöglein (Cephalanthera damasonium) wurden blühende Pflanzen gesichtet. Aus diesem Grunde musste ganz schnell die geplante diesjährige Exkursion in die heimischen Orchideen terminlich vorverlegt und organisiert werden.
Allerdings wandelte sich zu diesem Zeitpunkt Anfang Mai das Wetter. Kühle Temperaturen mit Regen, sogar mit Schnee in den höheren Lagen des Thüringer Waldes und Harzes, örtlich auch Minusgrade oder Bodenfrost bestimmten die nächsten Tage. Vermutlich waren es bereits die vorgezogenen Eisheiligen, die eine Woche früher als erwartet auftraten. Wie heißt es doch im Volksmund: "Vor Nachtfrost Du nie sicher bist, bis die Kalte Sophie (15. Mai) vorüber ist."
Am 6. Mai um 16 Uhr, an einem Freitagnachmittag, fanden sich 14 Mitglieder des Orchideenstammtisches Jena und 9 Gäste, darunter die 3 Kinder Soraya, Lotte und Lina, auf dem vereinbarten Skonto-Parkplatz in Rothenstein ein.

Als wollte man uns belohnen, hatte sich die Wetterlage kurzfristig geändert. Wie bereits in den vergangenen Jahren erfreuten uns jedenfalls an diesem Nachmittag angenehme Temperaturen um die 20-23 Grad C, Sonnenschein bei blauem Himmel - also ideales Wander- und Fotowetter. Wir bildeten wie in den Vorjahren Fahrgemeinschaften, um den nahe gelegenen Ausgangspunkt der Tour schnell zu erreichen, aber keine Parkprobleme zu verursachen. Als Exkursionsziel wurde in diesem Jahr das Naturschutzgebiet "Spitzenberg - Schießplatz Rothenstein - Borntal" im Saale-Holzland-Kreis gewählt. Die Exkursionsleitung übernahm wieder - wie bereits im Vorjahr - der Orchideen-Experte Hermann Voelckel als exzellenter Kenner des Gebietes und inzwischen auch Mitglied unseres Orchideenstammtisches, unterstützt von Hans- Jochim Pischeli und Dr. Helga Dietrich.
Das gewählte Gebiet von insgesamt 544,2 ha Fläche, von denen sich viele Hektar im Flächenbesitz des NABU (Naturschutzbund) befinden, liegt etwa 10 km südwestlich von Jenas Zentrum und 6 km nordwestlich von Kahla und wurde im Jahre 2003 als Naturschutzgebiet (NSG) ausgewiesen (laut: Thüringer Verordnung über das Naturschutzgebiet "Spitzenberg - Schießplatz Rothenstein - Borntal" vom 27.08.2003; Thüringer Staatsanzeiger Nr. 37, Jahrgang 2003). Es handelt sich in weiten Teilen um einen ehemaligen Truppenübungsplatz der sowjetischen Armee und späteren GUS-Truppen (im Volksmund auch heute noch "TÜP" genannt), der über ein halbes Jahrhundert für die zivile Bevölkerung völlig gesperrt war. Dadurch unterblieben aber auch jegliche landwirtschaftliche Nutzung, eingeschlossen Pflanzenschutz und Düngung, sowie steigender Siedlungsdruck und Ausbau der Verkehrswege. Aus diesem Grunde waren diese Flächen insgesamt in vielerlei Hinsicht unbeeinflusst von den sonstigen Störungen und Schäden der umgebenden Kulturnatur. Eine reiche Tier- und Pflanzenwelt konnte sich dadurch erhalten bzw. sogar erst entwickeln.
Der nach der politischen Wende im Jahre 1993 erfolgte Truppenabzug und eine sofortige Bestandsaufnahme zeigte die hohe Schutzwürdigkeit auf, die sich nicht nur in der Vergabe eines Naturschutzgebietes erschöpfen sollte. Denn im gleichen Jahr wurde das Gebiet auch als Bestandteil des umfassenderen Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Gebietes "Leutratal - Cospoth - Schießplatz Rothenstein" integriert. Zeitgleich dazu mussten aber erst alle Kasernen, ehemalige Unterstände und Wachtürme abgerissen sowie die Flächen aufwendig von militärischen Altlasten, vor allem Munition, entsorgt werden. Nachdem eine intensive ornithologische Erkundung ebenfalls dessen hohen Wert für den Vogelschutz (Vorkommen von Wendehals, Schwarz- und Braunkehlchen, Neuntöter, Wachtel, Ziegenmelker, Rebhuhn, Feldlerche, Pirol, Steinschmätzer, Goldammer, mehrere Specht-Arten, Wespenbussard, sogar Uhu und Schwarzstorch) erbrachte, wurde es vier Jahre später, im Jahre 2007, ebenfalls als EU-Vogelschutzgebiet unter dem Titel "Muschelkalkhänge der westlichen Saaleplatte" ausgewiesen. Auch der Bestand an Amphibien (Gelbbauchunke, Kreuz- und Erdkröte, Kamm-, Berg- und Teichmolch, Laubfrosch), Reptilien (Schling- und Ringelnatter, Zauneidechse, Blindschleiche), von denen wir auf unserer Exkursion zwei Blindschleichen und zwei Gelbbauchunken erblickten, sowie Insekten und Spinnentiere ist überaus bemerkenswert. Aufgrund dieser mehrfachen Schutzwürdigkeit wurde das Gebiet inzwischen in das europaweite Schutzgebiet "Natura 2000" eingebunden, das sich einen länderübergreifenden Schutz wichtiger und/oder gefährdeter Tier- und Pflanzenarten, aber auch deren Lebensräume, als Ziel gesetzt hat! Der weitere Verlust biologischer Vielfalt soll mit entsprechenden Richtlinien gestoppt werden! Immerhin wurde 2010 als "Internationales Jahr der Biodiversität" und 2011 als "Internationales Jahr der Wälder" ausgerufen.
Im Gebiet kommen als schützenswerte Lebensräume sowohl steppenartige Offenlandschaften einschließlich der Halbtrockenrasen (ca. 25% des Geländes) als auch Muschelkalkhänge, an deren Hangfuß sich oftmals dichte Heckensäume bilden, sowie Kalk- und Sandmagerrasen mit vereinzeltem Gehölzaufwuchs vor. Gepflegt wurden sie zum Teil seit vielen Jahren durch Schaf-Beweidung. Momentan hat der Schäfer aber aufgrund bürokratischer Hürden und sonstiger Schwierigkeiten diese Beweidung eingestellt. Übrigens wurden die orchideenreichsten Flächen aus der Beweidung mit Schafen herausgenommen. Ehrenamtliche Helfer des NABU und Umweltschützer mähen diese im frühen Herbst in schonender Weise per Hand. Im Jahr 2010 gab es eine beachtenswerte, deutschlandweite NABU-Aktion unter dem Motto "Orchideen statt Panzer", in der u.a. auch dieses Schutzgebiet über die Territorialgrenzen hinaus popularisiert wurde. Im gleichen Jahr hatte ebenfalls die NABU-Stiftung "Nationales Naturerbe" durch den Ankauf von 145 ha die bisherigen Bemühungen der sehr engagierten Helfer gewürdigt.
Die vorhandenen Lebensräume sind insgesamt reich an floristischen Raritäten, woraus sich das Ziel unserer diesjährigen Exkursion ableitete. Doch auch die angrenzenden Trockenwälder, von Kiefern dominiert, sowie die Orchideen-Buchenwälder an den nordexponierten Hängen und auf den Plateaulagen sind hinsichtlich ihres Artenreichtums erwähnenswert. Eine floristische Bestandsaufnahme ergab insgesamt etwa 400 verschiedene Pflanzenarten, darunter 37 geschützte. Mehrere Wirtschafts- und Wanderwege erschließen aktuell das weitläufige Gelände, so dass man das Schutzgebiet ohne Schaden anzurichten begehen und dabei von den Wegen aus auch die begehrten Objekte fotografieren kann. Als ein großes Problem erwiesen sich in den vergangenen Jahren - leider immer wieder - nicht angeleinte Hunde (trotz zahlreicher Ermahnungen an die Besitzer!), die eine nicht zu unterschätzende Störung und Gefahr für alle bodenbrütenden Vögel sowie Hasen bedeuten. Ein solches Verhalten ist nach dem Naturschutzgesetz Thüringens verboten.
Wir begannen unseren ca. 5-6 km langen Rundweg um 16.215 Uhr mit einer kurzen Einführung ins Gebiet und hielten uns dann in Richtung des Lichtersberges, an dessen südexponiertem Hang wir westlich (Richtung Dürrengleina) wanderten. Beim Anmarsch und auch entlang des Waldrandes erblickten wir Massen von Wiesen-Primeln (Primula veris), Zypressen-Wolfsmilch (Euphorbia cyparis-sias), Orientalischer Zackenschote (Bunias orientalis), Kleinem Wiesenknopf (Sanguisorba minor), Wundklee (Anthyllis vulneraria), Hufeisenklee (Hippocrepis comosa), rosarot blühender Esparsette (Onobrychis viciifolia), daneben auch die viel seltenere, einblütige, hellgelbe Spargelerbse (Tetragonolobus maritimus) sowie das ebenfalls geschützte Zweihäusige Katzenpfötchen (Antennaria dioica). Hinzu gesellten sich Schopf- und Bitteres Kreuzblümchen (Polygala comosa, P. amara), blau blühender Wiesen-Salbei (Salvia pratensis), Wald- und Knack-Erdbeere (Fragaria vesca, F. viridis), Gemeine Kuh¬schelle (Pulsatilla vulgaris), zur Zeit aber bereits im fruchtenden Zustand mit ihren als "Hexenbesen" bezeichneten Sammelbalgfrüchten und manche andere Art. Auch die ersten, ebenso geschützten Akelei-Pflanzen (Aquilegia vulgaris) begannen ihre tiefblauen Blüten zu öffnen. Von der gleichfalls geschützten Silberdistel (Carlina aucaulis) waren allerdings nur die vorjährigen Blütenstände sichtbar. An Süß- und Sauergräsern blühten (bzw. waren bereits verblüht) Blaugras (Sesleria varia), Aufrechte Trespe (Bromus erectus), Fieder Zwenke (Brachypodium pinnatum) und Blaue Segge (Carex flacca).
Dichte, artenreiche Hecken säumten diese Halbtrockenrasen und erstreckten sich bis an den Waldrand, der von xerothermen Kiefernforsten gebildet wird. Sie wurden vorrangig von den beiden Weißdorn Arten (Crataegus monogyna, C. oxyacantha), Schlehen (Prunus spinosa), Wildrosen (Rosa canina), Brom- und Himbeeren (Rubus spec.), Wilde Birne (Pyrus spec.), Wilde Pflaume (Prunus domestica), Feld- und Bergahorn (Acer campestre, A. pseudoplatanus), Faulbaum (Frangula alnus), Wolligem Schneeball (Viburnum lantana), Blutrotem Hartriegel (Cornus sanguinea), der im Herbst die Hänge orangerot leuchten lässt, und der verwandten Kornelkirsche (Cornus mas) mit ihren vitaminreichen, säuerlich schmeckenden Früchten, Haselnuss (Corylus avellana), Esche (Fraxinus excelsior), Trauben- und Stiel-Eiche (Quercus petraea, Q. robur), Flieder (Syringa vulgaris), Wildes Geißblatt (Lonicera periclymenum) oder dem Gewöhnlichen Wacholder (Juniperus communis) gebildet. Wir freuten uns, von der Elsbeere (Sorbus torminalis), die ja in diesem Jahr zum "Baum des Jahres 2011" gewählt wurde, so viel Jungwuchs neben älteren, bereits mit der Blüte beginnenden Bäumen registrieren zu können.
Die Orchideen waren jedoch gegenüber früheren Jahren sowohl aufgrund der anhaltenden Trockenheit dezimiert, als auch durch die Fröste der letzten Tage arg geschädigt. Viele Blütenstände waren in Folge umgeknickt oder ihre Blüten braun und verklebt.

An blühenden Arten fanden wir Spinnen- (Ophrys sphegodes) und Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera). Von der Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera), die auch vom Gebiet bekannt ist, war dagegen noch nichts zu sehen. Reicher waren dafür Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea), etwas weniger Helm-Knabenkraut (Orchis militaris) und deren Hybride (Orchis xhybrida) vertreten, die verwandt mit dem ebenfalls blühenden Dreizähnigen (Neotinea tridentata, früher Orchis tridentata) und Brand-Knabenkraut (Neotinea ustulata, früher Orchis ustulata) sind. Von einem der Kleinode der Halbtrockenrasen, der Bocksriemenzunge (Himantoglossum hircinum), war in den Wiesenflächen von weitem noch nichts zu erblicken. Hingegen waren die Blattrosetten mit Blütenansatz der Händelwurz (Gymnadenia conopsea) und der Rotbraunen Sitter (Epipactis atrorubens) gut sichtbar. Die Grünliche Waldhyazinthe (Platanthera chlorantha) begann an einigen Stellen bereits, ihre ersten unteren Blüten zu öffnen. Die ebenfalls im Gebiet vertretene, aber etwas später blühende Zweiblättrige Waldhyazinthe (Platanthera bifolia) haben wir allerdings nicht gefunden. Hingegen war das unscheinbare, grünlich blühende Zweiblatt (Listera ovata) häufig vertreten, aber die Blütenstände hatten sich noch nicht gestreckt. In einem lockeren, durch gezielte Fällung aufgelichteten Kiefernwald mit Beständen der Wald-Kiefer (Pinus sylvestris) standen einige dichte Trupps unserer schönsten heimischen Orchidee, des Frauenschuhs (Cypripedium calceolus).
Unter ihnen mehrere zweiblütige Exemplare. Leider waren alle Pflanzen verhältnismäßig kurz, erreichten nur etwa 30-35 cm Höhe, und auch ihre Blüten waren leider von den frostigen Temperaturen gezeichnet.
In der Nähe eines kleinen Tümpels, in der wir mit Mühe zwei der nur 4-5 cm kleinen und auf ihrer Oberseite unscheinbar grauen Gelbbauchunken (Bombina variegata) entdeckten, standen dann auch einige Exemplare der Vogelnestwurz (Neottia nidus-avis), allerdings noch im Knospenzustand. Erwähnenswert sind noch zwei weitere Orchideen, die im Gebiet mit ziemlicher Sicherheit nicht heimisch waren und vermutlich von Menschenhand eingebracht wurden: die Pyramiden-Spitzorchis oder Hundswurz (Anacamptis pyramidalis), von der im Vorjahr etwa 120 Exemplare blühten, sowie die Hummel-Ragwurz (Ophrys holoserica), die in früheren Jahren fälschlicherweise für Thüringen immer mal wieder angegeben wurde.
Die Zeit verging sehr schnell. Überall gab es etwas zu sehen und zu fotografieren. Wir mussten schließlich an den Heimweg denken, stiegen deshalb abwärts und wendeten uns schließlich in südliche Richtung gen Kamelsberg und Rothenstein. Parallel zum Hinweg ging es zwischen großflächigem Grünland, das allmählich in Halbtrockenrasen übergeführt werden soll, mit nur spärlichem Gehölzaufwuchs zum Parkplatz unserer Autos zurück. Die Sonne brannte auf unsere Köpfe. Gegen 18.45 Uhr war diese Exkursion in einen weiteren Bereich unserer schönen thüringischen Heimat, der den meisten Teilnehmern bis dato unbekannt war, beendet, nicht ohne dass unserem Exkursionsleiter ganz herzlich für die sachkundige Führung gedankt wurde.
Wir diskutierten noch ein wenig über den Termin des Sommerfestes im Juni-Juli, der erst noch ermittelt werden muss, bei dem aber ein Quiz über unseren Freistatt "Thüringen" wieder die "grauen Zellen" beschäftigen wird. Dieser Termin wird allen Interessierten per Internet und/oder Anruf noch mitgeteilt. Einige kleine Preise wären dankbar willkommen! Schließlich verabschiedeten wir uns mit besten Wünschen für einen hoffentlich angenehmen weiteren Frühlingsverlauf.
Dr. Helga Dietrich, Fotos Edgar Kruse
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