Pünktlich um 16.00 Uhr trafen sich 21 Mitglieder des „Orchideenstammtisches Jena“ auf dem Seidelparkplatz, um zu ihrer diesjährigen Exkursion in die „heimischen Orchideen“ aufzubrechen. Nach Beratung und mit kritischen Blicken zum Wetterhimmel wurden mehrere Fahrgemeinschaften mit 6 Autos gebildet.
Als Ziel standen der bei vielen noch unbekannte Röttelmischer Grund und der anschließende Schönberg im Saale-Holzland-Kreis fest. Als Leiterin hatte sich wie bereits im Vorjahr Frau Dr. Dietrich bereit erklärt.
Die Tour führte in südliche Richtung über Kahla, an dessen Friedhofs-Parkplatz ein Treffpunkt ausgemacht war. In Kolonne fuhren wir weiter bis Röttelmisch, nachdem wir vom breiten Fahrweg Kahla-Blankenhain rechts in ein kleines Seitental abgebogen waren. Doch Straßenbau-Arbeiten hinderten uns am Durchfahren des Ortes und auch am Aufsuchen eines kleinen NSG, einer feuchten Kalksumpfes, mit einem beachtlichen Bestand des Gefleckten Knabenkrautes (Dactylorhiza majalis).
So musste zweimal versucht werden, über einen anderen Feldweg zum Röttelmischer Grund zu gelangen. Über unebenes Gelände, von den Fahrern und ihren Autos etwas abverlangend, erreichten wir den ersten Exkursionspunkt.
Nach Diskussionen über die Organisation unseres Sommerfestes, dessen Organisation freundlicherweise unser Mitglied Herr Kühn übernommen hatte, ging es per Fuß einen Waldweg bis zum Nachbargipfel eines östlichen Ausläufers desSchönberges. Nur Insidern bekannt, haben wir es mit einem der Individuum reichsten Bestände am Frauenschuh im SHK- Kreis zu tun.
In diesem Jahr fanden sich aber aufgrund der enormen Frühjahrs-Trockenheit und zeitigen Hitze viel weniger Exemplare als in anderen Jahren. Sie waren auch nicht so hoch wie gewohnt und die Blüten signifikant kleiner. Wenn sonst zweiblütige Exemplare überwogen, dominierten diesmal einblütige Pflanzen. Der moos- und pflanzenreiche Waldweg führte leicht Hang aufwärts. Einige andere Pflanzen, die blühten, oder die man beachten sollte, wurden dabei vorgestellt.
Folgende Orchideen trafen wir an:
• Cypripedium calceolus (Frauenschuh)
• Neottia nidus-avis (Vogel-Nestwurz)
• Cephalanthera damasonium (Bleiches oder Weißes Waldvöglein)
• Epipactis atrorubens (Blutroter Sitter, Strandvanille) nicht blühend
• Epipactis muelleri (Müllers Sitter) nicht blühend
• Listera ovata (Großes Zweiblatt)
• Platanthera bifolia (Zweiblättrige Waldhyazinthe)
• Gymnadenia conopsea (Große Händelwurz) nicht blühend
Doch auch andere schöne, manchmal sogar seltene Pflanzen trafen blühend wir an, beispielsweise
• Monesis uniflora (Einblütiges Wintergrün)
• Grünliches Wintergrün (Pyrola chlorantha)
• Cynanchum vincetoxicum (Schwalbenwurz)
• Gentiana cruciata (Kreuz-Enzian) nicht blühend
• Polygala amarella (Bitterblümchen)
• Trifolium montanum (Berg-Klee)
• Stachys recta (Aufrechter Ziest)
Einige kleinflächige Bergstürze des mittleren Muschelkalkes ragten aus dem dichten, vor allem von Fichten, Kiefern und Ahorn geprägten Mischwald heraus, die uns aber nicht zum Klettern verführten.
Im Herbst sind die umgebenden, von Gebüschen gesäumten Halbtrocken- und Trockenrasen blau vom Deutschen (Gentianella germanica) und Franzen-Enzian (Gentianella ciliata). Silbern glänzen dann auch die Blütenköpfe der Silberdistel (Carlina acaulis) und golden die der Golddistel (Carlina vulgaris). Diesen Anblick konnte man aber zur früheren Jahreszeit nur anhand der alten Blütenstände erahnen.
Wir fuhren weiter auf einem huckeligen, ausgefahrenen Forstweg, die Autos vorsichtig balancierend, vorbei an Beckers Kirchhof, der an manchen Tagen als kleines Bistro geöffnet hat, um zum Plateau des Schönberges zu gelangen. Ein freier, von Bäumen umsäumter Platz wird seit Jahrzehnten als Wald-Parkplatz von allen Besuchern des herrlichen Berges genutzt.
Das stark erodierte und tief eingeschnittene Kalkmassiv des Schönberges steigt steil aus einem mächtigen, landwirtschaftlich mit Feld- und Weideflächen intensiv genutzten Rötsockel an. An den südwestlichen Hanglagen dominieren lichte Kiefernforste der Gemeinen Waldkiefer (Pinus sylvestris), die in wärmeliebende Trockenrasen übergehen. Als bodendeckende und erosionshemmende Gräser dienen Blaugras (Sesleria varia), Aufrechte Trespe (Bromus erectus), Fieder-Zwenke (Brachypodium pinnatum), Schafschwingel (Festuca ovina), Kleines Zittergras (Briza media) und Großes Schillergras (Koeleria pyramidata), dazu aus der Familie der Sauergräser Niedrige Segge (Carex humilis), Vogelsegge (Carex ornithopoda) und Blau-grüne Segge (Carex flacca). Zu den Hangbefestigern zählen aber auch die niedrigen Polster des Deutschen und Berg-Gamanders (Teucrium chamaedrys und T. montanum) sowie die sommers mit unzähligen, radförmigen, weißen Blüten ausgestattete Ästige Graslilie (Anthericum ramosum), die aber gerade erst zu blühen begann, sowie die üppig blühende Gelbe Spargelerbse (Tetragonolobus maritimus). In diesen Pflanzengesellschaften treten auch die ersten Orchideen auf.
Wir hielten uns streng südlich. Dabei wurden erste Einblicke in die das Plateau besiedelnden Buchenwälder, später Traubeneichen- Hainbuchenwälder passiert. Beide Waldtypen sind krautreich und durch floristische Seltenheiten gekennzeichnet. In den nord- oder nordwestwärts geneigten Partien ist die Bodenflor dagegen geringer ausgebildet. Am Südwesthang tritt der Buchenwald infolge der noch relativ starken Hangneigung und der geringeren Humusdecke als Karstwald auf. Neben der namensgebenden Rotbuche (Fagus silvatica) finden sich Traubeneiche (Quercus petraea), Stieleiche (Quercus robur) sowie als große Rarität die Flaumeiche (Quercus pubescens), die wir aber nicht fanden, Bergahorn (Acer pseudoplatanus), Sommerlinde (Tilia platyphyllos), Elsbeere (Sorbus torminalis), Haselnuss (Corylus avellana) und Weißdorn (Crataegus laevigata).
Besonders im Frühling schmückt sich die Feldschicht dieses Waldtyps mit ihrem schönsten Kleid: blau blühen unzählige Leberblümchen (Hepatica nobilis), weiß Buschwindröschen
(Anemone nemorosa), beide nur noch in Blattform auftretend, sowie Europäisches Sanikelkraut (Sanicula europaea). Unscheinbar dagegen erweisen sich Wald-Bingelkraut (Mercurialis perennis), Wenigblütige Gänsekresse (Arabis pauciflora), Wunder-Veilchen (Viola mirabilis) oder Haselwurz (Asarum europaeum), alle inzwischen auch verblüht.
Folgende Orchideen trafen wir an:
• Cypripedium calceolus (Frauenschuh)
• Orchis purpurea (Purpur-Knabenkraut) verblüht
• Platanthera bifolia (Zweiblättrige Waldhyazinthe)
• Platanthera chlorantha (Grünliche Waldhyazinthe)
• Neottia nidus-avis (Vogel-Nestwurz)
• Cephalanthera damasonium (Bleiches oder Weißes Waldvöglein)
• Epipactis atrorubens (Blutroter Sitter, Strandvanille) nicht blühend
• Epipactis muelleri (Müllers Sitter) nicht blühend
• Epipactis helleborine (Breitblättriger Sitter)
• Ophrys apifera (Bienen-Ragwurz) nur Blattrosette, nicht blühend
• Listera ovata (Großes Zweiblatt)
• Gymnadenia conopsea (Große Händelwurz) nicht blühend
Andere, schöne und seltene Arten:
• Botrychium lunaria (Mondraute, Mond-Rautenfarn), einer der seltensten Farne Deutschlands!
• Teucrium montanum (Berg-Gamnder)
• Pyrola chlorantha (Grünliches Wintergrün)
• Orthilia secunda (Einseitswendiges Birnengrün)
• Cynanchum vincetoxicum (Schwalbenwurz)
• Anemone sylvestris (Wald-Anemone)
• Aquilegia vulgaris (Akelei)
• Tanacetum corymbosum (Strauß-Margarite)
• Daphne mezereum (Seidelbast)
Die Bodenflora wird hier zu hohen Anteilen von Süßgräsern beherrscht wie Nickendes und Einblütiges Perlgras (Melica nutans, M. uniflora), Wald-Gerste (Hordelymus europaeus), Wald-Knäuelgras (Dactylis polygama), Hain-Rispengras (Poa nemoralis), Verschieden-blättriger Schwingel (Festuca heterophylla), Wald-Reitgras (Calamagrostis arundinacea) oder Wald-Zwenke (Brachypodium sylvaticum). Sie bildeten weiche, dichte Rasen, von denen sich die weißen, in Rispen stehenden Blütenköpfe der Ebenstrauß-Margarite (Tanacetum corymbosum) sowie die hellblauen, großen Glocken der Pfirsichblättrigen Glockenblume (Campanula persicifolia) abhoben.

Eine floristische Rarität des Gebietes stellt ein seltener, sehr ursprünglicher Farn, die Mondraute (Botrychium lunaria), dar. An einer kurzen Sprossachse entsteht jährlich meist nur ein, höchstens zehn Zentimeter langes Blatt, das in einen assimilierenden und grünen, sterilen Abschnitt und einen Sporen tragenden, gelblichen Abschnitt gegliedert ist. Der in Symbiose mit Pilzen (Mykorrhiza) lebende Farn ist in Deutschland, auch in Thüringen im steten Rückgang begriffen und sehr selten geworden. Francie fand als Erste einen größeren, etwa 5cm hohen und einen kleineren, etwa 1,5 cm großen Wedel.
Mit den Autos geht es danach in Richtung Westen (zum Ortsteil Bergern, den wir aber nicht aufsuchten), dann aber ziemlich steil abwärts in die Ortschaft Reinstädt, deren Kulisse wir von oben bereits bewundern konnten. Hier hielten wir für einen abschließenden kulturellen Stopp in der etwa 600 Einwohner zählenden Gemeinde. Das Ortszentrum wird vom spitzen Turm einer spätgotischen Wehrkirchenanlage aus dem 15. Jahrhundert und einer fünfgeschossigen Kemenate (Frauenhaus) als Rechteckbau mit flachem Walmdach beherrscht. Sie entspricht einem speziell in Thüringen vorkommenden Wohnturm-Typ, vermutlich ebenfalls im frühen gleichen Jahrhundert von Heinrich von (der) Flanß erbaut. Der alte Wehrgang, Sicht- und Schießscharten belegen heute noch ihre spätmittelalterliche Verteidigungsfunktion. Nachdem das Herzogtum Sachsen-Altenburg im Jahr 1844 die Kemenate erwarb, stand sie bis in die jüngere Vergangenheit im wesentlichen leer. Dieser Tatsache verdankt das Gebäude seine weitgehend original erhaltene Ausstattung und damit seiner Wertschätzung im Denkmal schutz. Für die behutsame Restaurierung des kulturellen Kleinods erhielten die Gemeinde Reinstädt und der GRUND GENUG e.V. im Jahr 2001 den Thüringer Denkmalschutzpreis.
Die Wehrkirche St. Michael gehört ebenfalls zu den kulturhistorischen Kleinoden unter den Thüringer Dorfkirchen. Einzigartig sind ihre Wehreinrichtungen mit einer Pech-Traufe, Weihwasser- und Urin-Abflüsse zu Belagerungszeiten, die spätgotische Schablonenmalerei und eine Reihe von Ausstattungsgegenständen. Kompliziert wirkt die Decke der Kirche. Hier kann man die ausgereifte Schablonierkunst am Anfang des 16. Jahrhunderts mit Musterbändern aus genau konstruierten Quadraten, Dreiecken, Sechsecken und Romben bewundern. Leider ist zu unserer späten Stunde die Kirche nicht mehr zu besichtigen. Aber vielleicht wurde mancher der Teilnehmer dazu angeregt, die Kirche zu anderer Zeit auch von innen zu besichtigen.

Im Ort wechseln typische Thüringer Bauernhäuser im Fachwerkbau, teilweise mit blaugrauen Schieferschindeln bedeckt, oder auch Übereste von Bauern-Renaissance-Torbögen mit modernen Fassaden. Umgeben sind die Gehöfte oftmals von blumenreichen Vorgärten oder Streuobstwiesen. Der alte Name für diese Talbereich „Hutzelgrund“ weist auf eine alte Nutzungsart hin: das Trocknen von Dürrobst auf Holzstiegen im Tal. Die Dörfer der Gemeinde sind heutzutage immer noch durch die Landwirtschaft stark geprägt. Neben der Agrargemeinschaft schufen Klein- und mittelständische Betriebe Arbeitsplätze für die Bevölkerung. Alljährlich finden in Reinstädt zahlreiche Veranstaltungen statt wie das Maibaum setzen, das Dorfbrunnenfest, Volksmusikveranstaltungen und ein Landmarkt. Er ist weit über die Grenzen der Region als Ereignis bekannt. Zu festen Terminen werden jeweils im Mai, September und Dezember kulturell hochwertige Märkte auf dem Gelände der mittelalterlichen Kemenate Reinstädt veranstaltet. Ganz besonderen Wert legen die Veranstalter dabei auf Produkte und Leistungen aus der Region. Anschließend ging es über die Ortschaften Zweifelbuch, Gumperda und Bibra, vorbei an durch blühenden Klatschmohn (Papaver rhoeas) rot leuchtenden Feldrainen, am Abzweig Röttelmisch vorbei, den wir ignorierten, über Kahla nach Jena zurück, wo wir gegen 20.30 Uhr wohlbehalten landeten. Auf dem Seidelparkplatz wurden wieder die Autos gewechselt!
Eine erlebnisreiche Exkursion bei bestem Wanderwetter in die heimischen Orchideen und andere floristische Reichtümer lag erfolgreich hinter uns!