Irgendwann, wenn man sich u.a. mit den heimischen Orchideen beschäftigt, hat man auch den Wunsch, die Orchideenvielfalt des mediterranen Raumes persönlich kennen zu lernen. Durch Nachforschungen im Internet, in Gesprächen mit Orchideenfreunden und das Studium einschlägiger Literatur wurde ich auf die griechische Insel Rhodos aufmerksam.
Diese Idee musste natürlich umgehend in die Tat umgesetzt werden. Dabei war mir das Buch „Orchideen auf Rhodos“ von Horst und Gisela Kretschmar/Wolfgang Eccarius eine nicht zu unterschätzende Hilfe. Hierin erfuhr ich auch von „Studios Spanos", einer Pension in Lardos, in der sich im Frühjahr Orchideenfreunde aus ganz Europa treffen, um die Orchideenwelt dieser Insel kennen zu lernen. Ein kurzer telefonischer Kontakt mit dem Betreiber der Pension, Herrn Vasilios Spanos, machte die Unterbringung und auch ein Mietauto perfekt. Der Flug wurde über das Internet gebucht.

Standortangaben von Orchideenfreunden, die in vergangenen Jahren die Insel besucht hatten, gaben mir Hoffnung, dass ich das finden würde, was ich suchte: Orchideen in Hülle und Fülle.
Am 29. März 2006 war es dann so weit. Von Jena ging es mit dem ICE direkt zum Flughafen Frankfurt am Main. Nach einer erholsamen Nacht in einem Hotel in Frankfurt, es sollte ja kein Stress aufkommen, fieberten wir dem Flug nach Rhodos mit Zwischenstopp in Athen entgegen. Hannelore mit gemischten Gefühlen und ich mit großen Erwartungen. Ohne Probleme erreichten wir abends Rhodos. Vor dem Flugplatz wartete schon auf uns das bereitgestellte Mietauto, das uns wohlbehalten in das 50 km entfernte Lardos, unseren Aufenthaltsort für die nächsten 14 Tage, brachte.
Vom gut Deutsch sprechenden Vasilios wurden wir freundlich empfangen. Er zeigte uns das Zimmer und lud uns gleich zum allabendlichen Treffen der Orchideenfreunde in seinem Kellerbüro ein. Seit Jahren ist es bei ihm zur Tradition geworden, dass man sich abends zum Erfahrungsaustausch trifft. Gleich an diesem ersten Abend bekamen wir viele nützliche Tipps und Hinweise von Orchideenkennern aus Hof und Düsseldorf, wo wir als erstes auf Orchideensuche gehen sollten.

Am nächsten Morgen unternahmen wir aber erst einmal einen Rundgang im kleinen beschaulichen Ort, suchten nach der empfohlenen Gaststätte für die Einnahme der Mahlzeiten, dem Bäcker sowie den Lebensmittelgeschäften. Uns gefiel der Ort auf Anhieb, vor allem die Sauberkeit und die freundlichen Bewohner trugen wesentlich dazu bei.
Dieser Rundgang bescherte uns dann auch die ersten Orchideen.
Gleich am Ortsausgang in Richtung Lindos fanden wir auf einer Olivenplantage in Nähe der Bäume kräftige Exemplare von Ophrys rhodia (Rhodos-Nabel-Ragwurz). Nicht ganz aufgeblühte Exemplare der Gewöhnlichen Schlangenwurz (Dracunculus vulgaris; Araceae) verbreiteten einen unangenehmen Aasgeruch, der uns aber nicht störte und hindern sollte, weiterzusuchen. Aber weitere Orchideen fanden wir erst einmal nicht.

Das sollte sich jedoch am Nachmittag ändern. Einige Kilometer (ca. 7 km) von Lardos auf dem Weg nach Laerma wurde uns der erste größere Standort von Orchideen angekündigt. Wir wurden nicht enttäuscht. Ohne lange zu suchen, fanden wir in einer offenen, typischen Landschaft große Bestände von: Ophrys bombyliflora (Drohnen-Ragwurz), eine der kleinsten Ophrys-Arten.
Weiterhin wurden gesichtet: Ophrys scolopax, Ophrys reinholdii, Ophrys bertolonii, Ophrys lutea (Gelbe Ragwurz), Ophrys oestrifera (Gehörnte Ragwurz), Ophrys ferrum-equinum (Hufeisen-Ragwurz), Ophrys speculum (Spiegelragwurz) und Serapias bergonii (Schlankwüchsiger Zungenständel) sowie Serapias parviflora? (Kleinblütiger Zungenständel). An dieser Stelle stießen wir auch auf eine kleine Feuchtstelle (sehr selten auf Rhodos) mit unzähligen Orchis laxiflora (Lockerblütiges Knabenkraut). Aber auch die endemische (nur auf Rhodos vorkommende) Rhodische Schachblume (Fritillaria rhodia; Liliaceae) und viele andere Blütenpflanzen erfreute uns und wir bannten sie auf den Chip der Kamera. Dieser Tag war für uns ein großer Erfolg!
Wir hatten uns ein richtiges griechisches Abendessen verdient, deshalb besuchten wir die empfohlene Taverne des Ortes. Wir wurden nicht enttäuscht, eine typisch griechische wohlschmeckende Speisefolge wurde uns für wenig Geld aufgetischt und wir genossen die herzliche Gastfreundschaft.

Dort trafen wir auch die beiden Ehepaare aus Düsseldorf wieder, mit denen wir schnell Freundschaft schlossen. Abends wurden dann in gemeinsamer Runde bei Vasilios die Bilder des Tages ausgewertet. Hier bekam ich viel Hilfe bei der Bestimmung der einzelnen Arten. Denn es ist nicht so einfach, die Blütenaufnahmen der gefundenen Orchideen richtig zuzuordnen. Selbst alten Hasen der Runde fiel es ab und an schwer, die Blüten eindeutig zu bestimmen.
Am nächsten Tag stand für uns die Frage, wird der kommende Tag wieder so erfolgreich sein wie der vergangene? Wir hatten eine Tour geplant, die ebenfalls im Buch „Orchideen von Rhodos“ beschrieben war.
Von Lardos ging es in südlicher Richtung nach Kattavia, einem „Truppenübungsplatz“ der griechischen Armee. Dieses Gelände mit einer für die Insel und den gesamten Mittelmeerraum typischen Vegetationsform, der Phrygana, eine Zwergstrauchheide mit ungefähr einem halben Meter hohen Dornen-Sträuchern, wird im Frühjahr alljährlich als Feldlager mit Übungsschießen genutzt. Da wir schon früh das Gelände erreichten, konnten wir bis ungefähr 10.00 Uhr ungestört nach Orchideen suchen. Gefunden hatten wir wieder eine Unzahl davon. Neben den Arten, die wir bereits in den vergangenen Tagen antrafen, stießen wir auf Anacamptis pyramidalis (Pyramiden- Hundswurz), Ophrys cretica (Kretische Ragwurz), Ophrys dodekanensis (Dodekanes Ragwurz), Ophrys attaviria (Attaviros- Ragwurz), Ophrys iricolor (Regenbogen-Ragwurz), Ophrys speculum (Spiegelragwurz), auf gerade im Aufblühen befindliche Anacamptis fragrans (Wohlriechendes Knabenkraut) und unzählige Serapias orientalis ssp. carica (Orientalischer Zungenständel). Leider mussten wir die Suche bald aufgeben, weil das Militär seine Haubitzenschießübungen beginnen wollte, und wir höflichst aufgefordert wurden, das Gelände zu verlassen.

Auf dem Rückweg besuchten wir den Küstenort Plimmiri, dort sollten auch Orchideenbestände zwischen alten Ruinen zu finden sein. Leider wurden wir hier etwas enttäuscht. Allerdings fanden wir dort neben einer seltenen weißblütigen Albinoform von Serapias orientalis eine gelb-grün-weiße Ophrys speculum neben „normal“ gestalteten Exemplaren sowie Ophrys regis-fernandii. Eine Augenweide waren auch riesige Felder mit Chrysanthemum coronarium var. discolor (sogenannten Spiegeleierblumen; Asteraceae), bei denen die Sonne das Gelb-Weiß der Blütenkörbchen so richtig zum Strahlen brachte.

Obwohl wir uns vorgenommen hatten, den so ergiebigen „Schießplatz“ noch einmal aufzusuchen, gelang uns das leider nicht mehr, da wir an den kommenden Tagen andere Orchideen-Fundorte besuchten und natürlich auch die Sehenswürdigkeiten der Insel erkundeten.

Allein ganze zwei Tage widmeten wir der Altstadt von Rhodos, die in dieser Jahreszeit von Touristen noch nicht so stark bevölkert wurde. Diese angenehme Randerscheinung konnten wir überall auf der Insel genießen, da der alles beherrschende Tourismus erst Anfang Mai beginnt. So konnten wir ungestört die Sehenswürdigkeiten der Altstadt, der Hafenanlage, der Neustadt und die nahegelegene Akropolis bewundern. In Cafés und Restaurants waren wir ohne die in der Saison herrschende Hektik überall herzlich willkommen.

Auf dem kommenden Ausflug sollte sich mein sehnlichster Wunsch erfüllen: wir fanden Ophrys holoserica (Hummel-Ragwurz) als stattliche Exemplare sowie einige Subspezies der gleichen Art. Wieder dem Rat des Buches „Orchideen auf Rhodos“ folgend, ging es in Richtung Profitis Ilias entlang der damals von den Italienern gebauten Waldstraße. Als Orientierung wurden in der genannten Publikation die Kilometersteine angegeben. Leider erwartete uns nicht die erhoffte Vielfalt bei den vermerkten Kilometersteinen (47 und 46). Jedoch sichteten wir dort einige Exemplare von Orchis provincialis, Ophrys reinholdii, Orchis anatolica und Neotinia maculata (ein Exemplar). Aber wir hatten Glück.

Bei einer Rast am Kilometerstein 48 entdeckten wir am Straßenrand auf einem Abschnitt von wenigen Metern sehr stattliche Ophrys episcopalis,Ophrys dodekanensis, Ophrys candica und Ophrys heterochila. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich hier Hybriden gebildet haben. Ein Wunder wäre es nicht, wenn auf so einem kleinen Raum so viele Ophrys-Arten nebeneinander wachsen.
Bei weiteren Streifzügen durch die Insellandschaft fanden wir auf dem Weg nach Profitis Ilias direkt am Rande eines Kiefernwaldes stattliche Exemplare von Limodorum abortivum (Violetter Dingel), die eine Höhe bis zu 75 cm erreichten.

Ein weiterer sehr interessanter Orchideenstandort, die sogenannten „Italica-Wiesen“, hat uns begeistert. Direkt am Straßenrand in einer Steilkurve blühten Hunderte Orchis italica. Aber auch unzählige Ophrys-Arten und einige Ophrys-Hybriden trafen wir an.
Vorgenommen hatten wir uns auch, Lindos mit der Akropolis einen Besuch abzustatten. Freunde berichteten, dass man auf dem Wege dorthin an wunderbaren Wiesen und Buschregionen vorbeikommt, wo man auch Orchideen antreffen kann. Leider haben wir kaum Orchideen entdeckt, jedoch wurden wir von der Blumenpracht insgesamt überwältigt.

Auch hier spürten wir noch nichts von dem Touristenstrom, der Wochen später einsetzt, und man dann von der momentan herrschenden Besinnlichkeit und Ruhe nichts mehr mitbekommt.

Überall im Land wurden wir von der einheimischen Bevölkerung freundlich empfangen, sei es, dass wir einige der vielen Kirchen besuchten, wenn wir uns in den Töpfermanufakturen umschauen durften oder wir irgendwo einkehrten.
In den knapp zwei Wochen unseres Aufenthaltes haben wir die Insel von Süd nach Nord, von Ost nach West durchstreift und fast alle auf ihr vorkommenden Orchideen angetroffen.
Nur einige Raritäten, wie Ophrys villosa, Ophrys calypsus, Ophrys leochroma und Ophrys halia, haben wir leider nicht entdeckt.



Da es uns auf Rhodos so gefallen hat, wird es bestimmt nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir ihr einen Besuch abstatten.
Auf jeden Fall ist diese griechische Ägäis-Insel für das Aufsuchen und Kennenlernen der mediterranen Flora, besonders der Orchideen, sehr zu empfehlen!
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