Am Donnerstag, den 20.10.2011, trafen sich 9 Mitglieder und 3 Gäste des Orchideen-Stammtisches in der Traditions-Gaststätte "Zur Noll", um einen Vortrag unseres neuen Mitglieds Hermann VOELCKEL (Rothenstein) zum Thema: "Neuseeland - ein Land "Am Rande der Welt" zu hören.
Unser Vorsitzender Hans-Joachim PISCHELI begrüßte alle erschienenen Orchideenfreunde und Gäste und ging auf wenige organisatorische Änderungen des heutigen Abends ein.
Man begann mit der Pflanzenvorstellung, um die gewisse Unruhe, die beim Bestellen und Hereintragen von Speisen und Getränken immer wieder entsteht, nicht zum Nachteil des Referenten werden zu lassen. Deshalb wurden zuerst die mitgebrachten blühenden Pflanzen demonstriert, allerdings von unserem Altmitglied Hanna STARK allein bestritten. Folgende Objekte wurden dabei begutachtet:
• Oncidium-Hybride
• Phragmipedium besseae Dodson & Kuhn 1981 (Vorkommen in den Anden Kolumbiens, Ecuadors und Perus. Attraktive Blüte in Scharlachrot.)
• Phragmipedium besseae-Hybride Es wäre schön, wenn zu den nächsten Abenden auch wieder einmal andere Mitglieder, die zu Hause Orchideen kultivieren, sich die Mühe des Einpackens und Vorzeigens machen würden!
Durch die Abwesenheit von Helga DIETRICH im ersten Teil des Abends übernahm Horst KÜHN die Vorstellung vorhandener Literatur. Aus der amerikanischen Zeitschrift "Orchis" vom Mai 2011 wurde besonders auf einen Blattschmuck-Orchideen-Artikel eingegangen, also über eine Orchideengruppe, die zu den Favoriten des Vortragenden gehören. Wie schon im Februar mit Band I, stellte Horst KÜHN daneben auch die im Selbstverlag produzierten, sehr repräsentativen und mit exzellenten Fotos ausgestatteten Fotobände II und III zum gleichen Thema "Orchideen mit schönen Blättern" vor. Erwerb und Preis können beim Autor erfragt werden.

Im anschließenden Power-Point-Vortrag des Abends schilderte der Referent Hermann VOELCKEL seine vielfältigen Eindrücke, die beim dreimaligen Besuch Neuseelands entstanden.Ursache für das mehrmalige Aufsuchen waren private Gründe, da die Tochter der Familie in der Universitätsstadt Palmerston North Arbeit gefunden und inzwischen auch eine Familie gegründet hat.
Aus europäischer Sicht wird Neuseeland gern als "Land am Ende der Welt" bezeichnet, da es von Deutschland aus zu den entferntesten, aber auch begehrenswertesten Reisezielen zählt. Etwa 2.000 km südöstlich von Australien und ca. 3.000 km von der Antarktis entfernt gelegen nehmen die beiden Hauptinseln, durch die Cookstraße getrennt, gemeinsam mit etwa 700 kleinen und kleinsten Inseln eine Fläche von etwa 270.000 km2 ein. Sie sind damit etwas größer als Großbritannien, allerdings mit 4, 4 Mill. Einwohnern viel dünner besiedelt. Sowohl die Hauptstadt Wellington als auch die größte Stadt Auckland liegen auf der dichter besiedelten Nordinsel. Umspült wird Neuseelands immerhin 15.000 km Küste mit herrlichen Buchten und Stränden vom kalten Südpazifik.
In der Mythologie der Maori, den aus Polynesien stammenden und erst ziemlich spät eingewanderten Ureinwohnern, wird es hingegen als Aotearoa, "Land der langen, weißen Wolke", bezeichnet.
Neuseeland ist hinsichtlich seiner Staatsform eine konstitutionelle Monarchie mit Queen Elizabeth als Staatsoberhaupt, aber hinsichtlich seiner Regierungsform eine Parlamentarische Demokratie. Offizielle Amtssprachen sind Englisch und Maorisch, wozu vor einigen Jahren erstaunlicherweise als einzigem Land weltweit (!) auch die Gebärdensprache aufgenommen wurde.
Hauptwirtschaftzweige und damit wichtige Einnahmequellen stellen Land- (Schaf-, Rinder- und Rehwildzucht) und Forstwirtschaft (Holz-Export und -Verarbeitung), Nahrungsmittel-industrie (Fleisch-Exporte) und Tourismus dar.
Sowohl Nord- als auch Südinsel sind einmalige Naturparadiese, berühmt durch ihre landschaftlichen und vegetationskundlichen Kontraste. Regenwälder wechseln unmittelbar mit Zonen alpiner Vegetation, Gletschern und Vulkanen ab.

Zugehörig zum Florenreich der Holantarktis charakterisiert eine artenreiche Pflanzen- und Tierwelt die eigenständige Neuseeländische Region, die durch eine lang währende Isolation nach der Abspaltung vom Gondwana-Kontinent vor ca. 150 Mill. Jahren und von Australien vor ca. 80 Mill. Jahren entstand.
Diese Region gilt aber auch als seismografische Kampfzone, da sie in der Kollisionszone zweier Kontinentalplatten liegt. Dabei schiebt sich die Pazifische Platte unter die Indisch-Australische Platte, aktiven Vulkanismus ("Pazifischer Feuerring") und Erdbeben verursachend, wie aktuell diejenigen vom 22. 02. 2011 und 13. 06. 2011 zeigten, wodurch die architektonisch bemerkenswerte Stadt Christchurch (Südinsel) in weiten Teilen total zerstört wurde!

Im sehr gut gegliederten Vortrag wurden zahlreiche Fakten zum Land und seiner Bevölkerung (auffällig hoher Anteil Jugendlicher, Durchschnittsalter etwa 35 Jahre), zur Topographie (lange Ausdehnung der Doppelinsel über 1600 km; starke Höhenunterschiede; Mt. Cook auf Südinsel immerhin 3754 m üNN), Geschichte (Entdeckung durch den niederländischen Seefahrer Abel Tasman; Unabhängigkeit im Jahre 1835 durch "Declaration of Independence of New Zealand" mit Gründung der Vereinigten Stämme; Ausgangspunkt für die meisten Antarktis-Expeditionen), Wirtschaft/Verkehr/ Tourismus (reich an Bodenschätzen, aber wenig Bergbau, um Naturreichtümer zu schützen), Klima (mild und maritim geprägt, warm-temperiert im N, kühl-temperiert im S), den wichtigsten Städten (z.B. steilste Straße der Welt in Dunedin) und Landesteilen (Thermalort Rotorua mit Geysiren und Sinterterrassen; Vulkane; Seengebiete; Urwälder; Weideland) vermittelt.
Aus der einmaligen landschaftlichen Vielfalt, den berühmten 14 Nationalparks sowie einer prägnanten Flora (2300 Gefäßpflanzen, davon ca. 70 % endemisch) und Fauna (ebenfalls hoher Endemismusgrad; außer drei Fledermausarten keine autochthonen Landsäugetiere; keine Landschlangen) wurden instruktive Beispiele in gelungenen Aufnahmen, teilweise in Kombination mehrerer Motive, vorgestellt und erläutert.

Vor Eintreffen der ersten Siedler schätzt man, dass etwa 70-80 % der Landflächen von Wald bedeckt waren. Aktuell sind es durch Jahrhunderte lange Nutzung (Abholzung, Weidewirtschaft, Aufforstung durch fremde Gehölzarten wie der Monterey-Kiefer (Pinus radiata) nur noch etwa 25 %, davon 5 % Forste!
Ein anderes Problem, das zur Bedrohung für die heimische Tierwelt wurde, ist der relativ hohe Anteil gebietsfremder Arten (Neozoen, z.B. das Opossum), die u.a. zum Dezimieren der flugunfähigen endemischen Vögel (Kakapo, Takahe, Kiwi, Rallen) durch Ratten und verwilderte Katzen führte. Allerdings wurde hingegen das Auslöschen des größten, jemals auf der Erde vorkommenden Laufvogels, des Moa, bereits am Ende des 14. Jh. durch den Menschen verursacht. Die ersten polynesischen Siedler schätzten das Fleisch (bis 270 kg pro Exemplar) als willkommene und leicht zu erbeutende Nahrung, denn die Großvögel kannten aufgrund fehlender Fraßfeinde kein Flucht- und Abwehrverhalten.
Tieraufnahmen wurden im Vortrag gezeigt von: Königs-Albatross, Kea-Bergpapagei, Kiwi, Austral-Tölpel, Möwen, Hector-Delfin, Neuseeländische Robben, Gelbaugen-Pinguin als einer der seltensten Arten der Tiergattung weltweit.
An auffälligen Pflanzen sah man u.a.: Cabbage-Tree (Cordyline australis), Eisenholz-Baum (Metrosideros excelsa), Kauri-Baum (Agathis australis), Südbuchen (Nothofagus), Silber-Baumfarn (Cyathea dealbata), Kidney-Farn (Trichomanes reniforme), Neuseeländischer Bast (Phormium tenax) oder Tussockgräser (Festuca, Poa)

Den Abschluss des Vortrages bildete eine Auswahl der auf insgesamt 120-160 geschätzten heimischen Orchideen-Arten. Gezeigt wurden: Epiphytische Arten:
Adelopetalum tuberculatum, Drymoanthus adversus, D. flavus, Earina aestivalis, E. autumnalis, E. mucronata, Ichthystomum pygmaeum, Winika cunninghamii

Terrestrische Arten: Adenochilis gracilis, Aporostylis bifolia, Gastrodia cunninghamii, G. minor, Anzybas (1 Art), Corybas (1 Art), Nematoceras (8 Arten), Singularybas (1 Art), Microtis unifolia, Orthoceras novae-zeelandiae, Petalochilus chlorostylus, P. nothofageti, Prasophyllum aggr.,

Pterostylis cardiostigma, P. graminea, P. humilis, P. irsoniana,P. montana, P. patens sowie blau blühende Thelymitra-Arten (T. cyanea, T. hatchii, T. longifolia,T. nervosa).
Der Beifall aller Anwesenden sowie Dankesworte durch den Vorsitzenden zeigten dem Referenten, wie gut sein erstmalig in der Öffentlichkeit gezeigter Vortrag ankam! Man konnte sich unschwer vorstellen, welche Mühen und welcher Zeiteinsatz für die Auswahl der mehrere Tausend umfassenden Motive und der entgültigen Gestaltung des Vortrages nötig war.
Danach wurde noch in kleiner Runde geschwatzt, dabei die Zeche bezahlt, schließlich aber der Abend in harmonischer Atmosphäre beendet.
Unsere nächste Zusammenkunft wird am 17. November 2011 am gleichen Ort zu gleicher Zeit stattfinden, in der ein Vortrag unseres Mitglieds Thomas Bopp zum Thema "Singapore-facettenreicher Stadtstaat mit viel Grün" im Mittelpunkt stehen wird.
Text: Dr. Helga Dietrich, Fotos Hermann Völkel
| zurück zum Archiv |