Am Donnerstag, den 19. 01. 2012, trafen sich 10 Mitglieder und 5 Gäste des Orchideen-Stammtisches in der Jenaer Traditions-Gaststätte "Zur Noll", um einen Vortrag von Dr. Helga DIETRICH zum Thema: "Madagaskar-Insel im Konflikt zwischen Mensch und Natur" zu hören.
Eingangs begrüßte unser Vorsitzender Joachim PISCHELI die erschienenen Orchideenfreunde. Allen Mitgliedern und Gästen des Jenaer Orchideenstammtisches wünschte er noch, da die geplante Weihnachtsfeier wegen zahlreicher Erkrankungen und sonstiger Abwesenheit einiger Mitglieder ausgefallen war, für das Jahr 2012 Gesundheit, angenehme Stunden im Kreise der Familien und Freunde sowie beim Hobby eine reiche Orchideenblüte!!!
Anschließend wurden mehrere organisatorische Punkte angeschnitten. Als erstes wurde bekannt gegeben, dass die Leitung inzwischen beschlossen hat, einen Beamer zu kaufen, um künftig das ständige lästige Ausleihen (mit finanziellen Unkosten) zu vermeiden. (Verantwortlich für die dabei anstehenden technischen Fragen und den Kauf: Thomas BOPP) Bei der geplanten Fahrt zur Messe "Dresdner Ostern" am 29 März 2012 ergab leider die bisherige Organisation (dankenswerterweise durch Familie LAUDIN) keinen bezüglich der erforderlichen Größe und vom Preis her geeigneten Bus, so dass weitere Nachfragen unternommen werden müssen (verantwortlich: A. PISCHELI, Dr. H. LANG, C. JANKOWSKI). Um einen Überblick über die ungefähre Teilnehmerzahl zu erhalten, wurde gleich eine Liste herum gereicht. Vermutlich werden wir - wie in den Vorjahren auch - wieder unter gärtnerisch interessierten Freunden und Bekannten für eine Teilnahme werben müssen!
Bei der Orchideenvorstellung hatten zwei Mitglieder Pflanzen mitgebracht.
Thomas BOPP:
• Laelia rubescens (Heimat: Mexiko und restliches Mittelamerika)
• Aerangis xprimulina (eine Naturhybride aus Madagaskar, gebildet von Aerangis citrata mit A.
hyaloides)
• Des Weiteren bot er dankenswerterweise 3 Pflanzen zum Verschenken an: Coelogyne massangeana, Dinema polybulbon, Eria globulifera
Dr. Horst LANG:
• Paphiopedilum malipoense x P. leucochilum
• Paphiopedilum xconcobellatum (attraktiv blütige Hybride zwischen P. concolor und P. bellatulum) mit der Information, dass inzwischen auch in Süd-China eine Naturhybride zwischen beiden Arten gefunden wurde, die als P. xwenshanense gehandelt wird).
• Paphiopedilum Komplexhybride 'Christa Hof'
Wie bereits beim November-Gruppenabend schloss sich eine kurze Diskussion über die Bekämpfung von Wollläusen und geeignetes Substrat bei der Paphiopedilum-Kultur an.
Weiter ging es mit der diesmal aus Zeitgründen nur kurzen Vorstellung neuer Orchideenliteratur durch Dr. H. DIETRICH, die dem Vortragsthema entsprechend ausschließlich aus Büchern zur Flora und Fauna Madagaskars bestand. Die wichtigste Publikation dabei für Orchideenfreunde war der "Field Guide to the Orchids of Madagscar" (CRIBB, P. & J. HERMANS aus dem Jahre 2009, Kew), der einen aktuellen Stand zum Orchideenreichtum der Insel mit seinen reichlich 1000 Arten aus 57 Gattungen vermittelt. Alle diese Tagesordnungspunkte wurden vor den Anfang des Dia-Vortrages gelegt, damit Störungen, die mit dem schubweisen Hineintragen der Speisen und Getränke einhergehen, nicht den Vortrag zu sehr beeinträchtigen sollten.
Danach begann, etwas verspätet, der Hauptvortrag. Madagaskar, auch als "Rote Insel" aufgrund der vorherrschenden Bodenfarbe bezeichnet, die durch Eisenoxyd reiche lateritische Böden verursacht wird, gilt mit seinen 587.041 km2 als viertgrößte Insel der Erde. Seitdem sich das Gebiet als Teil des ehemaligen südlichen Gondwana-Kontinents bei dessen Zerfall als Insel von Afrika und später vom Indischen Subkontinent trennte, gab es in den folgenden Jahrmillionen keinerlei Landverbindungen. Im Zentrum der Insel erreichen Hochebenen über tausend Meter Höhe und gipfeln im höchsten Berg des Landes, dem 2.876 m hohen Maromokotro. Die teils hügelige, teils sehr flache östliche Küstenregion liegt mitunter nur wenige Meter über den Meeresspiegel. Sie wird von zahlreichen Seen und Wasserläufen, Regenwäldern und landwirtschaftlichen Flächen geprägt, während der heiße und trockene Süden dagegen Trockenwälder und Dornengebüsche mit einem hohen Sukkulentenbestand aufweist. Der Westen wird von teilweise sehr schönen Stränden entlang der Straße von Mozambique bestimmt. Landwirtschaftliche Flächen dominieren allerdings in vielen Regionen. Vorrangig für den Eigenbedarf der Bevölkerung werden Reis, Kartoffeln, Maniok, Taro und Bananen angebaut. Ins Ausland werden dagegen Kaffee, Kakao, Gewürznelken, Zuckerrohr, Tabak und vor allem Vanille exportiert.
Madagaskar besitzt übrigens noch zahlreiche unerschlossene Erz- (u.a. Quarz, Chrom, Nickel) und Edelsteinlagerstätten (z.B. Saphire, Rubine, Granate und Topase), manche davon vermutlich die größten der Welt. Zum Teil kommt es dabei zu illegalen Schürfungen, wie auch anderswo in der Welt, mit enormer Naturzerstörung als Folge! Auch Erdöl-Lager sind vorhanden!
Als Amtssprachen gelten Malagasy (Madagassisch), Englisch und Französisch, daneben dienen allerdings mehrere regionale Sprachen als Umgangssprachen. Es gibt auf Madagaskar keine Sommer-/Winterzeitumstellung. Die zeitliche Differenz zu Mitteleuropa beträgt im Winter +2 Stunden und im Sommer +1 Stunde, ein Umstand, der von europäischen Touristen als sehr angenehm empfunden wird, da der sonst übliche Jetlag bei der Hin- und Rückreise ausbleibt.
Aufgrund der genannten zeitigen Abspaltung und der nachfolgenden langen Isolation haben sich aber nicht nur alte Gesteinsformationen, sondern auch eine sehr ursprüngliche und einmalige Flora und Fauna erhalten, so dass man diese Insel oftmals als "Siebenten Kontinent" und/oder als "Arche Noah der Natur" bezeichnet. Von der UNESCO wurden deshalb auch mehrere Gebiete der Insel als Weltnaturerbe eingestuft.
Aus der landschaftlichen Palette, seinen Nationalparks, den unterschiedlichen Vegetationszonen vom typischen Tieflandsregenwald über Feuchtsavannen bis zu Trocken- und Dornenwäldern mit ihren zahlreichen endemischen (ca. 90%), also nur auf Madagaskar vorkommenden, Pflanzenarten, sowie einer einzigartigen, prägnanten Tierwelt (z.B. Lemuren, farbenprächtige Chamäleons, Geckos, Madagaskar-Krokodil, Amphibien) wurden ausgewählte Beispiele anhand von Dias vorgestellt und erläutert.
Im Vortrag wurden aber auch vielfältige Probleme erwähnt, die aus dem Zusammenleben einer verarmten und ständig wachsenden Bevölkerung (aktuell reichlich 20 Mill. Einwohner) mit der Natur erwachsen. Sowohl durch Wanderfeldbau als auch Abholzung, Brandrodung und Viehzucht sind alle natürlichen Lebensräume in Madagaskar äußerst bedroht. Man schätzt, dass nur noch etwa 10% der ursprünglichen Regenwald-Vegetation vorhanden ist. Bereits aus dem Flugzeug kann man gewaltige Erosionsschäden erkennen. Bei diesen begrenzten Ressourcen kommt es immer wieder zu Brandrodungen in Nationalparks trotz bestehender Verbote sowie unerlaubtem Edelholz-Einschlag, alles ohne Konsequenzen bei sehr instabiler politischer und wirtschaftlicher Lage (vor allem seit dem Jahre 2009). Hinzu kommt eine schlechte Infrastruktur (verheerende Verkehrswege!) und eine ständig wachsende Kriminalität. Gegenwärtig wird vom Ausländischen Amt der Bundesrepublik Deutschland vor zunehmenden Übergriffen auf ausländische Touristen in der Hauptstadt Antananarivo und touristischen Zentren gewarnt! Madagaskar zählt leider weltweit zu den ärmsten Staaten! Trotz aller dieser Einschränkungen zählt man die Insel immer noch zu den bemerkenswertesten Ökoregionen der Erde mit einem extrem hohen Endemiten-Grad bei Pflanzen und Tieren. Jährlich werden zahlreiche neue Arten entdeckt und beschrieben. Unter den geschätzten 12.000-13.000 Pflanzensippen befinden sich unter anderem ca. 4220 Gehölz- sowie über 1000 Orchideen-Arten.
Folgende Orchideen wurden im Vortrag gezeigt:
• Bulbophyllum (von den 197 vorkommenden Arten sind nur 2 Arten nicht endemisch!)
• Angraecum sesquipedale
• Jumellia confusa
• Arachnis flos-aeris
• Vanda suavis -Sorte
• Vanilla madagascariensis
• Vanilla spec. (nicht blühend)
• Oeniella polystachys (aus der Angraecum-Verwandtschaft)
• sowie mehrere nicht blühende Arten
Folgende wichtige Pflanzen wurden gezeigt:
• Nationalpflanze Ravenala madagascariensis ("Baum der Reisenden") = Strelitziaceae (Familie der Ingwerartigen)
• endemische Dreikantpalme (Dypsis madagascariensis)
• riesige Sumpfpflanze Typhonodorum lindleyanum (Araceae aus dem tropischen Afrika, Madagaskar, Komoren, Mauritius) als einzige Art der Gattung
• die Schraubenbäume Pandanus utilis und endemischer Pandanus vandamii
• Pachypodium rosulatum var. gracilis (gelb blühend) = Madagaskarpalme. Gehört zu den giftigen Apocynaceae (Hundsgiftgewächse); endemisch für Madagaskar
• die Sukkulente Aloe isaloensis: endemisch für das zentrale Isalo-Gebirge
• Madagaskar-Hibiskus (Hibiscus grandidieri var. grevianus)
• die Sukkulente Alluaudia procera (Madagaskar Ocotillo = Didieraceae)
• die Baobab-Arten Adansonia rubrostipa, A. digitata, A. grandidieri
Folgende interessante Tiere wurden gezeigt:
• Schlingnatter (Langaha madagascariensis)
• Breitschwanzgecko (Uroplates fimbriatus)
• Blattschwanzgecko (Uroplatus henkeli). Geschützt nach WA!
• endemischer (Ostküste Madagaskars) Tomatenfrosch (Dyscophus antongilii) = gehört zu den Engmaulfröschen. Nach CITES unter Artenschutz!
• Millipeden (Tausendfüssler) und Grüner Saftkugler (Sphaerotherium)
• Reptilien wie der Hallmanns-Gecko (Phelsuma pusilla hallmannii)
• zahlreiche Chamäleons, z.B. Furcifer campani, Furcifer lateralis major und weitere Arten
• endemische Madagassische Baum- oder Hundskopf-Boa (Sanzinia madagascariensis). Häufigste Würgeschlange von 2-3 m Länge.
• Gemeiner Brauner Lemur (Eulemur fulvus)
• Weißfront-Lemur (Eulemur albifrons): Männchen und Weibchen mit Jungtier
• Katta-Lemur (Lemur catta): Ringelschwanzmaki
• einzige Krokodil-Art Crocodylus niloticus var. madagascariensis; gehört zu Nil-Krokodilen
• Strahlen-Schildkröte (Geochelone radiata)
• Madagaskar-Baumleguan (Oplurus cuvieri) bis 40 cm Länge
• Gabeldrongo (Dicrurus forcificatus) als typischer Rabenvogel
• Schlammspringer-Fisch (Periophthalmus koelreiteri)
Mit der ausgesprochenen Hoffnung, dass es trotz der vorhandenen Schwierigkeiten auf allen Gebieten gelingen möge, diesen einmaligen Naturreichtum zu erhalten, schloss der Vortrag!
Unsere nächste Zusammenkunft wird am 16. Februar 2012 stattfinden, in der ein Vortrag von Dr. Norbert BAUMBACH (Erfurt) zum Thema "Naturstreifzüge in Peru" im Mittelpunkt stehen wird.
Dr. Helga Dietrich
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