Bei anfangs bewölktem, später sonnig-warmen Wetter trafen sich nachmittags um 16 Uhr 12 Mitglieder des Orchideenstammtisches Jena, 2 Gärtner des Botanischen Gartens und 8 Gäste auf dem Skonto-Parkplatz in Rothenstein bzw. einige Mitglieder aus anderen Städten später in Großkochberg, um zur diesjährigen Exkursion in die heimischen Orchideen aufzubrechen. Wir bildeten wie immer Fahrgemeinschaften, um die Anzahl der PKWs zu minimieren. Als Exkursionsziel wurde das Flächennaturdenkmal „Blassenberg“ - unweit des bekannten thüringischen Ortes Großkochberg gelegen - gewählt. Die Exkursionsleitung übernahm wie bereits in den vergangenen Jahren Frau Dr. Helga Dietrich.
In Kolonne fuhren wir auf der B 88 bis Kirchhasel, da die geplante Tour von Zeutsch aus durch den überaus reizvollen, etwa 11 km langen Hexengrund - als einem der schönsten Seitentäler der Saale - durch Sperrung und ausgewiesener Umleitung nicht möglich war. Deshalb mussten wir einige Kilometer Umweg in Kauf nehmen und sich unserem Exkursionsziel über das Haselbachtal mit dem hübschen Dorf Oberhasel und dem sich anschließenden, relativ unbekannten, aber ebenfalls sehr ansprechenden und im lichten Maiengrün prangenden Hirschgrund nähern. Dabei wurden auf der Kreisstraße 18 die beiden Dörfer Kuhfraß - mit seinem witzigen Namen - und Neusitz passiert. Wir fuhren vorsichtig, da sich im engen Grunde oft Muffel- oder Damwild zeigt, wie auf der Vorexkursion und auf der Heimfahrt geschehen.
Großkochberg ist eine kleine, reichlich 500 Einwohner zählende Gemeinde im Saalfeld-Rudolstadt-Kreis, etwa 15 km von Rudolstadt und 30 km von Weimar entfernt. Die sehenswerte Landschaft ist geprägt von Ausläufern des Thüringer Waldes. Dessen Hügelketten mit breiten Talmulden gehen in Laub- (vorrangig Buchen- bzw. Eichen-Hainbuchen)- und Kiefern-Trockenwälder oder Ackerflächen, Wiesen und Weiden über. Der Ortsname leitet sich aus dem Althochdeutschen ab, wobei „koch“ = „Erdhügel“ oder „Grenzzeichen“ bedeuten soll. Die thüringische Gemeinde besticht durch liebevoll restaurierte Fachwerkhäuser, saubere Bauernhöfe, einen Pferdeparcours und eine aus dem Jahre 1495 stammende, sehenswerte Dorfkirche St. Michael, die einen spätgotischen Flügelaltar beherbergt. Die zahlreichen jährlichen Touristen suchen diesen Ort jedoch vor allem wegen seines Wasserschlosses aus der Zeit der Spätrenaissance auf, von 1733 bis 1946 Land- und Sommersitz der Familie von STEIN, da es der „magische“ Ort der ersten Begegnung (6. Dezember 1775) zwischen dem 26jährigen Johann Wolfgang von GOETHE und der 7 Jahre älteren Charlotte von STEIN wurde. Heute kann das Schloss als Erinnerungsstätte an dieses historische Ereignis aufgesucht und neben zahlreichen Ausstellungsstücken aus der Zeit der Weimarer Klassik auch der Schreibsekretär bewundert werden, auf dem der junge, aber damals bereits berühmte Dichter des „Werther“ sich handschriftlich verewigte.
Das idyllisch gelegene Sommerschloss, von einem Burggraben umgeben, grenzt an einen gepflegten Park, der imposante alte Gehölze, aber auch einen ehemaligen Badeteich (in dem sommers zahlreiche Teichmolche beobachtet werden können), Wasserläufe, Lauben und Zierrabatten enthält. Im ruhigen Wasser des Burggrabens wachsen zwei seltene Armleuchter-algen (Chara hispida und C. polyacantha), die zu den Rote-Listen-Arten Thüringens zählen.
Bereits hier, in der durch Menschen geschaffenen, aber sehr ursprünglich wirkenden Gartenanlage kann man auf erste Orchideen, die sich spontan angesiedelt haben, treffen. Dazu zählen Weißes Waldvöglein (Cephalanthera damasonium), Breitblättrige Sitter (Epipactis helleborine), Blutrote Sitter (Epipactis atrorubens) und Großes Zweiblatt (Listera ovata). Wir mussten aus Zeitgründen darauf verzichten, Schloss und Park zu besichtigen, aber einige Teilnehmer, die erstmals diese reizvolle Landschaft und den Ort erlebten, beabsichtigten, irgendwann einmal zurückzukehren und es in Ruhe nachzuholen.
Unser primäres Wanderziel stellte das ca. 3 Hektar große Flächennaturdenkmal „Blassenberg“ dar. Der Blassenberg (517m ü NN) bildet zusammen mit dem Mittelberg (492m ü NN) und der Wache (525m ü NN) als Hochfläche eine landschaftliche Einheit.

Wir parkten unsere Autos direkt am Ende des Schlossparkzaunes, gegenüber dem oberhalb des Ortes gelegenen Freibades auf einem unbefestigten Platz (von der Neusitzer Straße aus in einer scharfen Linkskurve in nördlicher Richtung abbiegend). Hier hat man die Wahl der Qual, denn es gabelt sich der Weg. Der rechte ist der schmalere, aber dafür bekanntere Thüringenweg, der über den Luisenturm bis nach Weimar führt. Denn hier am Schloss endet der in Weimar (Wielandplatz) beginnende, 28 km lange, inzwischen fast legendäre „Goethe-Wanderweg“ (über Vollersroda, Buchfart, Saalborn, Schwarza, Hochdorf, Neckeroda), der an GOETHES rege Besuche per Fuß und Ross, später mit der Kutsche, bis zum Jahre 1788 erinnern soll und der in jedem Jahr von einheimischen und oft weitgereisten Wander- und Goethefreunden frequentiert wird. Als jährliche gemeinschaftliche Gedenkwanderung wurde das erste Maiwochenende gewählt, an der oftmals bis zu 200 Wanderfreunde teilnehmen. GOETHE selbst benötigte zu Pferde etwa zweieinhalb, zu Fuß vier bis sechs Stunden.
Wir wählten den linken, vom Forst breit ausgebauten Weg, und wanderten ca. 300 Meter Hang aufwärts. Rechts und links breiten sich von Gebüschen gesäumte Wiesen aus, die einen prächtigen Blick auf den über 500 Meter hohen Bergkamm mit dem weiß glänzenden Luisenturm über dem Dorf Kleinkochberg (418m ü NN) erlauben. Beim Aufstieg passierten wir linker Hand ein im Umbau befindliches Wasserhäuschen und eine sich anschließende, alte Kirschplantage. Unmittelbar dahinter bogen wir links ab, denn dort begann bereits das Schutzgebiet. Wir erfreuten uns bei diesem kurzen, aber steilen Aufstieg an der überaus üppigen Wiesenrand-Flora mit Esparsette (Onobrychis viciifolia), Wiesen-Salbei (Salvia pratensis), Kriechendem Günsel (Ajuga reptans), Gänse-Fingerkraut (Potentilla anserina), Hufeisenklee (Hippocrepis comosa) sowie Bitteres (Polygala amarella) und Schopf-Bitterkraut (Polygala comosa), um nur einige Vertreter zu nennen. An dieser Hangkante geht der Rötsockel in den Unteren Muschelkalk über und ein dichter Laub- und Koniferen-Mischwald beginnt mit Rot-Buche (Fagus sylvatica), Hainbuche (Carpinus betulus), Stiel- und Trauben-Eiche (Quercus robur, Quercus petraea), Elsbeere (Sorbus torminalis), Gemeiner Esche (Fraxinus excelsior), Berg- und Feld-Ahorn (Acer pseudoplatanus, Acer campestre), Wald-Kiefer (Pinus sylvatica) und in der Strauchschicht mit Gemeiner Berberitze (Berberis vulgaris), in voller gelber Blüte stehend, Zweigriffligem Weißdorn (Crataegus laevigata), ebenfalls stark blühend, Rotem Hartriegel (Cornus sanguinea), Seidelbast (Daphne mezereum), Faulbaum (Frangula alnus), kurz vor der Blüte stehend, Hunds-Rose (Rosa canina aggr.) sowie Wacholder (Juniperus sempervirens). Wir hielten uns dabei strikt westlich, immer auf dem überaus schmalen Wanderpfad entlang. Aufmerksamkeit war erforderlich, um auf dem oftmals engen Weg mit seinen Wurzeln, Zapfen und Kalkschotter nicht zu stolpern oder zu stürzen, denn dann ginge es Hang abwärts!
Gleich eingangs stießen wir auf mehrere Exemplare des Großen Zweiblattes (Listera ovata), allerdings ohne Blütenansatz, sowie zahlreiche, vom verwelkten Buchenlaub sich relativ schwer abhebende Exemplare der Vogel-Nestwurz (Neottia nidus-avis). Noch nicht blühten dagegen Breitblättrige, Müllers und Braunrote Sitter (Epipactis helleborine, Epipactis muelleri und Epipactis atrorubens)
.
Das Gebiet ist aber vor allem durch seine beindruckenden Frauenschuh (Cypripedium calceolus)-Bestände berühmt, die beispielsweise hinsichtlich ihrer Individuenzahl die der beiden Bundesländer Hessen und Niedersachsen zusammen übertreffen! Jeder Erstbesucher ist von der ungeahnten und prächtigen Vollblüte überwältigt! Dabei dominieren zweiblütige Exemplare. Um sie, auch die anderen Orchideen sowie weitere floristische Raritäten, wie z.B. die hier häufige Gemeine Kuh- oder Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris) oder die Echte Kugelblume (Globularia bisnagarica), zu erhalten, war in den letzten zwei Jahrzehnten eine ständige Zusammenarbeit zwischen den Waldeigentümern, dem Forstamt, Naturschutz-behörden sowie dem Arbeitskreis Heimische Orchideen Thüringen als ehrenamtlicher Verband, vor allem seiner Regionalsektion Rudolstadt, notwendig.
Beim Fortschreiten stießen wir auf weitere Orchideen wie Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea), überall im Wald zerstreut, aber sehr häufig. Einige Exemplare erreichten eine beträchtliche Höhe und eine hohe Blütenzahl in der Ähre. Sowohl Große Waldhyazinthe (Platanthera chlorantha) und Weißes Waldvöglein (Cephalanthera damasonium) zeigten erst ihre Knospen bzw. begannen zu blühen. Zu späterer Zeit wird sich auch noch die Große Händelwurz (Gymnadenia conopsea) entfalten, die jetzt erst ihre Rosetten steifer Blätter mit einer knospenden Ähre im Zentrum zeigt. Etwas später stießen wir auch auf die Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera). Erst einmal gesehen, erblickte man sie plötzlich überall! Deren Exemplare blieben aber alle erstaunlich niedrig.
In der Begleitflora fielen vor allem schöne Bestände des Großen Buschwindröschens (Anemone sylvestris) und die zahlreichen Köpfe der Silber- und Gold-Disteln (Carlina acaulis, Carlina vulgaris) auf, die alle Hänge im Spätsommer/Herbst schmücken werden. Aus der ebenfalls - wie die Orchideen - unter Schutz stehenden Pflanzenfamilie der Wintergrün-gewächse (Pyrolaceae) dominierte das Grünblütige Wintergrün (Pyrola chlorantha).
Auf dem Rückweg, kurz vorm Waldessaum, erblickten wir hocherfreut noch zwei blühende Pflanzen des überaus seltenen Einblütigen Moosauges (Moneses uniflora)! Hinzu kamen aber auch erste blühende Exemplare der Schwalbenwurz (Vincetoxicum hirundinaria), Europäisches Sanikel (Sanicula europaea), Wald-Bingelkraut (Mercurialis perennis), Haselwurz (Asarum europaeum), dessen Blüten man aus dem Laub herausgraben musste, das bereits verblühte Leberblümchen (Hepatica nobilis), Wiesen-Primel (Primula veris), Wald-Erdbeere (Fragaria vesca), Waldmeister (Galium odoratum), Hornklee (Lotus corniculatus), Wald-Habichtskraut (Hieracium murorum), Reichenbachs Veilchen (Viola reichenbachiana) sowie die giftigen Maiglöckchen (Convallaria majalis), Duftender Salomonssiegel (Polygonatum odoratum), Christophskraut (Actaea spicata) und Zypressen-Wolfsmilch (Euphorbia cyparissias). An Süß- und Sauergräsern dominierten Blaugras (Sesleria albicans), Nickendes Perlgras (Melica nutans), Buntes Reitgras (Calamagrostis varia), Aufrechte Trespe (Bromus erectus), Europäische Waldgerste (Hordelymus europaeus) und Vogelfuß-, Blaugrüne und Niedrige Segge (Carex ornithopoda, Carex flacca, Carex humilis).
Die Fotografen kamen auf ihre Kosten! Der inzwischen niedrige Sonnenstand des Spätnachmittags und beginnenden Abends erlaubte auch reizvolle Gegenlicht-Aufnahmen. Neben den blühenden Orchideen, allen voran die prächtigen Frauenschuh-Bestände, lockten auch überaus bizarr gewachsene Kiefern und die großblütigen Wald-Anemonen als Motive. Manches „Ah“ und „Oh“ ertönte aus dem Munde der begeisterten Teilnehmer!
Nach ca. 3 km, von melodischen Vogelstimmen und dem Rauschen der Baumwipfel begleitet, wendeten wir und wanderten langsam auf dem gleichen Wege zurück, da der Abstieg auf die südwärts gelegene Clöswitzer Straße (L 2391) und der Weg durch den gesamten Ort und wieder aufwärts zum Parkplatz für viele der Teilnehmer zu lang und zu beschwerlich gewesen wäre. Doch dadurch wurde auch noch manches floristische Kleinod sichtbar, dass man auf dem Hinwege übersehen hatte. Auch die veränderten Lichtverhältnisse hatten einen Anteil daran, dass man diese Variante nicht bereute.

Auf der Rückfahrt entschieden wir uns noch für einen kurzen Abstecher zum Luisenturm. Dieser markante, viergeschossige Turm auf dem Hummelsberg (515m ü NN) ist benannt nach einer Enkelin der Frau von STEIN. Im Jahre 1864 ließ der Goetheverehrer James Patrick von PARRY diesen Turm zu Ehren seiner verstorbenen Ehefrau erbauen. Von hier oben aus genoss man einen weiten und spektakulären Blick über die reizvolle Hügellandschaft der linken Saaleseite, über den nördlich gelegenen Hexengrund und die südlichen Höhenzüge des Thüringer Waldes!
Dann ging es wiederum - zumindest im ersten Teil - in Kolonne nach Jena oder in andere Städte zurück. Dabei wählten wir in Kuhfraß den kürzeren, aber sehr steilen Fahrweg (13% Gefälle) über das Angerdorf Mötzelbach mit drei sehenswerten Steinkreuzen am Wegesrand (in Nähe des Dorfteiches und der Kirche; als sogenannte „Schwedenkreuze“ bezeichnet), der uns dann bei Etzelbach wiederum auf die B 88 führte.
Eine vielleicht manchen Teilnehmer etwas anstrengende, aber wettermäßig nicht enttäuschende und überaus lohnenswerte Orchideenwanderung lag hinter uns!
Dr. Helga Dietrich
Bilder: Hans-Joachim Pischeli
| zurück zum Archiv |