Vielfalt der Aronstabgewächse (Dia-Vortrag von Horst Kühn, Rudolstadt am 15.10. 2009)

Die Pflanzenfamilie der Aronstabgewächse (Araceae) als eine wichtige Familie der Einkeimblättrigen Blütenpflanzen (Monokotyle) umfasst ca.110 Gattungen mit insgesamt etwa 4000 Arten. Die meisten davon sind pantropisch verbreitet, aber mit der Gattung Arum (Aronstab) werden auch die Subtropen und Extratropen (wie der heimische Gefleckte Aronstab Arum maculatum) erreicht.

Arisema

Es handelt sich bei ihren Vertretern vorrangig um krautige Rhizom- oder Knollen-Geophyten, aber auch um Kletterpflanzen (z.B. Philodendron, Monstera), Epiphyten (z.B. Anthurium zum Teil) oder Wasserpflanzen (z.B. Pistia). Die Kletterpflanzen zeichnen sich fast immer durch zahlreiche Luftwurzeln aus, die genauso wie epiphytische Orchideen ein Velamen radicum besitzen, das nur in diesen beiden Pflanzenfamilien auftritt.

Die Blätter sind grund oder seitenständig, meist relativ groß, ganzrandig, oft aber an der Basis scheidig verbreitert oder mit einem Blattstiel ausgestattet. Sie besitzen Netznervatur (wie bei den Zweikeimblättrigen Blütenpflanzen, den Dikotylen,), manchmal sind sie (z.B. bei Monstera und Philodendron) sogar sekundär durchlöchert.

Arisema_1

Ihre Vertreter entwickeln immer komplexe Blütenstände, bei denen zahlreiche Einzelblüten an einer kolbenförmigen Achse (Spadix) sitzen, die von immer nur einem, meist abweichend gefärbten Hochblatt (Spatha) umgeben ist, das meist mehr oder minder tütenförmig eingerollt ist. Um die bestäubenden Insekten (kleine Fliegen, Mücken, Pilzmücken, Käfer) olfaktorisch (über Gerüche) und optisch anzulocken, werden vielfach Düfte produziert, die von angenehm (durch Pheromone) bis zu unangeneh¬m, sogar bis zu extrem stinkend variieren. Diese Gerüche werden durch sogenannte Osmophoren (Duftspender) erzeugt, die sich entweder am Kolben-Ende oder an der Spatha-Spitze, die oftmals extrem lang ausgezogen ist, befinden. In diesen Blütenständen sind die Einzelblüten immer klein, unscheinbar und die Geschlechter zwittrig oder eingeschlechtig. In letzterem Fall sind sie meist monözisch (einhäusig), selten diözisch (zweihäusig) verteilt. In den meisten Blütenständen stehen sie in Vielzahl (Ausnahme: Pistia mit nur 1 weiblichen und 1 männlichen Blüte pro Blütenstand) und sind, wie bereits genannt, zu einem unverzweigten, mehr oder minder verdickten Kolben verwachsen. Oftmals ist ein solcher Spadix aufgebaut, dass daran im unteren Bereich die fertilen weiblichen und darüber die fertilen männlichen Blüten sitzen, während die obersten zu einem Kranz borstiger, steriler männlicher Blüten umgewandelt wurden. Dieser hindert die vom Duft angelockten und mühelos ins Innere der - auf der Innenseite meist extrem glatten - Spatha gelangten Bestäuber zeitweilig daran, wieder nach oben und damit nach außen zu entkommen. Erst wenn eine Bestäubung erfolgte, erschlaffen die borstigen Blüten, so dass danach die Insekten wieder ins Freie entkommen können. Oft wird auch im Kesselinneren Wärme produziert, die bis zu 5 Grad über der Umgebungstemperatur liegen kann (sozusagen „beheizte Blütenstände“), so dass gerade die in den Nachtstunden aktiven und angelockten Insekten davon als Energie-Sparmaßnahme profitieren. Manche Bestäuber bezahlen aber den Aufenthalt im Kessel mit dem Leben, wie es oft bei Arisaema vorkommt. Man nennt eine solche angepasste, blütenbiologisch-morphologische Gestaltung „Kesselfallenblumen“. Die unscheinbare Blütenkrone der Einzelblüten besteht meist aus 3 + 3 Blütenblättern, aber manchmal ist sie auch reduziert. Im Andrözeum treten meist 3 + 3 Staubblätter auf. Das Gynözeum setzt sich aus 3 synkarp verwachsenen Frucht¬blättern zusammen, die einen oberständigen Fruchtknoten bilden. Nach erfolgreicher Bestäubung und Befruchtung bilden sich unreif grüne, später meist intensiv gelb, orange oder rote Beerenfrüchte aus, die wiederum zu einem Fruchtstand vereinigt sind und erst bei Vollreife einzeln abfallen. Als Inhaltsstoffe treten auf:

1 wasserklarer oder weißlicher Latex (weiteste Verbreitung unter den Monokotylen!)

2 Calciumoxalatkristalle in Form von Raphidenbündeln (in sogenannten Schießzellen)

3 cyanogene Glykoside

4 Scharfstoffe bislang unbekannter chemischer Natur

5 Gerbstoffe und Sapo¬nine (z.B. Aronin)

6 Polyphenole und Alkaloide (z.B. Coniin wie beim Gefleckten Schierling)

7 ätherische Öle und Harze

Aus diesem Grunde gelten alle Vertreter der Aronstabgewächse als giftig, ein bewusster oder unbewusster „Genuss“ kann zu Schwellungen, Bläschenbildung, Brennen, Übelkeit oder Herzrhythmusstörungen führen. Außerdem muss man beim Umgang (Verpflanzen, Beschneiden, Stecklinge) oftmals Vorsicht walten lassen, weil manche Menschen schon bei Berührungen oder vom Saft verursacht (besonders unter UV-Einfluss) darauf allergisch mit Hautrötungen oder -schwellungen sowie Atmungsproblemen reagieren.

Einige Vertreter sind allerdings geschätzte tropische Stärkepflanzen, wobei die unterirdischen Knollen gegessen werden. Aber vorher müssen sie unbedingt gekocht werden, weil sich nur dadurch die Calciumoxalatkristalle auflösen. Zu diesen Stärkelieferanten zählen:

1 Colocasia esculenta (Taro) = wichtige Stärkepflanze Asiens und der Polynesischen Inseln einschließlich Hawaiis

2 Xanthosoma sagittifolium, X. violaceum und X. atrovirens (Taya) = Stärkepflanzen Südamerikas, besitzen größere Knollen

3 Alocasia indica und A. macrorrhiza = Stärkepflanzen Südost¬asiens

4 Amorphophallus campanulatus = Stärkepflanze des tropischen Asien

5 Cyrtosperma chamissonis = Stärkepflanze des tropischen Asien

Die Familie besitzt viele bekannte Zierpflanzen, die auch in unseren heimischen Wohnungen und Büros weit verbreitet sind, z.B. Monstera (Fensterblatt), Dieffenbachia (Schweigrohr), Philodendron (Baumfreund), Scindapsus (Scindapsus, Kaladie), Anthurium (Flamingoblume), Spathiphyllum (Einblatt), Aglaonema (Aglaoneme), Zantedeschia (Zimmerkalla), Caladium (Kaladie), Sauromatum (Eidechsenwurz), Spathicarpa (Spathicarpe) oder Syngonium (Fünffingerpflanze, Syngonium).

Arisema_2

In den Gärten wird, wie der Referent ausführte, unter unseren klimatischen Bedingungen nur eine begrenzte Zahl frostfester Arten kultiviert. Dazu zählen vor allem Arum maculatum (Einheimischer Aronstab) sowie Arum italicum (Italienischer Aronstab) in verschiedenen Sorten. Als Sumpfpflanze am Teichrand oder im künstlichen Moor eignet sich Calla palustris (Schweinsohr, Sumpfcalla) sowie ebenfalls im Feuchtbereich Lysichiton americanus und Lysichiton camtschatcensis, die gelbe- und die weiße Scheincalla aus Nordamerika bzw. Ostasien.

In den letzten Jahren findet die Gattung Arisaema (Kobralilie, Feuerkolben) zunehmend Interesse bei den Gartenfreunden. Besonders wurde wieder auf die frostfesten Arten wie Arisaema amurense, A. triphyllum und A. consanguineum hingewiesen. Auch die nicht frostverträglichen Arten mit ihren besonders exotischen Blütenständen wie Arisaema candidissimum, A. fargesii und A. sikokianum lassen sich mit geringem Aufwand (frostfreie Überwinterung der Knollen) im Garten kultivieren, da sie erst nach den letzten Nachtfrösten Ende Mai - Anfang Juni austreiben und die Knollen nach den ersten Bodenfrösten im Oktober „geerntet“ werden können. Das Angebot der vielen kulturwürdigen Arten wächst zur Zeit ständig und verlockt den Liebhaber außergewöhnlicher Blüten zum Kauf immer neuer Schönheiten und Experimenten. Die Gattung Arisaema ist auch noch aus einem anderen Grund botanisch interessant. Wenn die Jungpflanzen einiger Arten ihre ersten Blütenstände bringen und die Energiereserven aus den noch kleinen Knollen eher bescheiden ausfallen, enthalten die Infloreszenzen nur männliche Blüten. Jahre später, wenn die Knollen größer und die enthaltenen Reserven reichlicher sind, wechselt die Pflanze ihr Geschlecht und bildet fortan weibliche Blüten und nach Bestäubung und erfolgreicher Befruchtung Samen aus.

Arisema_3Der Referent stellte nun in Wort und Bild (Power Point Präsentation mit vielen exzellenten Fotos) zahlreiche Vertreter der Aronstabgewächse vor. Einen Schwerpunkt seiner Ausführungen bildeten die hoch interessanten und durch bizarre und farbenprächtige Blütenstände und Hochblätter auffälligen Gattungen Arisaema mit seinen ca. 170 Arten, Arum (Aronstab) mit seinen 15-25 Arten, Symplocarpus (Stinkkohl) mit 5 Arten, Dracunculus (Drachenschwanz, Drachenwurz) mit 2 Arten und Lysichiton mit ebenfalls 2 Arten. Spektakulär, weil mit den größten Blütenständen der rezenten Flora ausgestattet, die Aufnahmen der riesigen, meterhohen Titanenwurz Amorphophallus titanum aus der ca. 150 Arten umfassenden, auf die tropischen Regionen Südostasiens, der ozeanischen Inseln sowie Afrikas in seiner Verbreitung beschränkten Gattung. Eine Übersetzung des wissenschaftlichen Gattungsnamens, der nichts weiter als „unförmiger Penis“ bedeutet, erzeugte allgemeines Schmunzeln.

Dabei flossen in die Ausführungen des Referenten viele praktische Tipps ein, die auf eigens erprobten Erfahrungen bei der Kultur der meist seltenen (und teuren) Pfleglinge im Freiland und in den Gewächshäusern basierten. Bereitwillig gab er Auskunft bei zahlreichen Fragen. Die Anwesenden waren einhelliger Meinung, dass sie viel über diese Monokotylen-Familie erfahren hatten und dass es außer Orchideen auch noch weitere Blütenpflanzen geben könnte, die sich für eine Kultur lohnen würden!

Parallel hatte Horst Kühn zahlreiche, sehr gelungene DIN-A3 Foto-Motive, entstanden aus jahrelanger Objektsuche in seinen umfangreichen Sammlungen, ausgelegt, die allerdings aufgrund der erzwungenen räumlichen Enge (wir mussten an diesem Abend auf unseren gewohnten großen Raum verzichten und umziehen) nicht genügend gewürdigt werden konnten.

 

Dr. Helga Dietrich und Horst Kühn

zurück zum Archiv

Orchideenstammtisch Jena